Berliner Clans

Essen ist Schwerpunkt der Clankriminalität - das geht aus einem Lagebild hervor, das Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul (CDU) vorgestellt hat. Aber auch in anderen Regionen Deutschlands sind die kriminellen Banden aktiv. Die Behörden stehen bei ihrer Bekämpfung noch ziemlich am Anfang, denn das Phänomen wurde zu lange falsch eingeschätzt.

Erst wissen, dann handeln: Ich finde, das ist eine gute und sinnvolle Reihenfolge für politisches Agieren. Diese Reihenfolge wird leider nicht immer so befolgt, das Ergebnis kennt man. Es läuft dann unter der Überschrift 'blinder Aktionismus'. Gut also, erst zu wissen, und das Handeln dann danach auszurichten.

Das Lagebild Clankriminalität kann helfen, neue und sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln. Erst wenn ich über Strukturen, Netzwerke, Mitglieder – und das sind zum Teil sehr viele - und auch über die kriminellen Geschäftsfelder Bescheid weiß, können idealerweise passgenau Strategien entwickelt und angewandt werden.

Ein schwieriges Unterfangen

Nötig ist davon ein ganzes Bündel. Es geht um Prävention, Angebote an junge Menschen, erst gar nicht in der Parallelwelt Fuß zu fassen, sondern Sinn in einem Leben außerhalb der Kriminalität zu sehen. Das lässt wohl erahnen, wie schwierig das Ganze ist.

Es geht auch um Aussteigerprogramme, die anders angelegt sein müssen als etwa bei Rechtsradikalen. Denn Clan-Aussteiger verlassen nicht eine Gruppe, deren Verbindung ideologisch ist, sondern eine Familie - eine sehr große noch dazu. Es geht auch um möglicherweise neue polizeiliche Strategien und neue rechtliche Vorgehensweisen.

Was zum Beispiel trifft, ist illegal erworbenes Geld abzuschöpfen. Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften vor Ort, wie bereits jetzt in Essen und Duisburg, sind da schon ein erster Schritt. Auch die zahlreichen Razzien und engmaschigen Kontrollen erhöhen den Druck und zeigen: Es gibt ihn, den Staat. Eine noch engere Verzahnung von Polizei, Kommunen, Sozialarbeitern, Staatsanwälten und Fahndern von Zoll, Finanamt und Ordnungsämtern gehört ebenfalls dazu.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Klingt nach viel? Ist es auch. Sehr viel sogar. Und: Es kommt spät. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zu spät. Die Parallelwelten und Parallelwerte der kriminellen Clans haben sich über lange Zeit entwickelt. Die festen Familienstrukturen bieten Schutz, Auskommen und ein sehr festes eigenes Werteverständnis.

Und das Phänomen wurde offenbar über Jahrzehnte ziemlich falsch eingeschätzt. Oder – grob gesagt - auch einfach nur verpennt. Lange Zeit wurde ein solches Lagebild zu kriminellen Aktivitäten der Familienclans nicht erstellt, weil auch befürchtet wurde, damit Diskriminierung und Stigmatisierung zu befeuern.

Polizei, Justiz, Kommunen, Ermittler: Im Grunde stehen alle wegen dieser Versäumnisse erst ziemlich am Anfang. Es wird vermutlich Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern, zumindest halbwegs erfolgreich gegen kriminelle Familienclans etwas auszurichten. Das erfordert Ideen, Geld, Mut, neue Wege zu gehen, und einen langen Atem.

Aber zumindest zu wissen, wo und wie die Strukturen sind, um dann idealerweise die richtigen Maßnahmen zu entwickeln, ist schon mal ein richtiger Schritt - noch dazu in die richtige Richtung.

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Wissenswert: Welche Clans gibt es in Deutschland?

Von Fabienne Hafner

Die Entstehung der Clans geht bis in die 1980er Jahre zurück. Der Bürgerkrieg im Libanon ließ viele vor allem kurdische und palästinensische Großfamilien nach Deutschland migrieren. Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven gelten als Hauptgrund zur Entstehung der sogenannten Parallelgesellschaften – der Clans. Welche gibt es in Deutschland und was tun sie?

Familie Abou Chaker
Familie Abou Chaker sind Palästinenser, die aus dem Libanon stammen und vor allem in Berlin aktiv sind. Mit etwa 300 Mitgliedern gilt der Clan als eher klein, doch trotzdem als unberechenbar. Ihr Gebiet ist die organisierte Kriminalität. Bundesweit hat der Clan Aufmerksamkeit bekommen durch die jahrelangen Geschäftsbeziehungen zu Rapper Bushido.

Familie Remmo
Familie Remmo ist eine arabische Großfamilie, die vor allem in Berlin ansässig ist. Der Clan soll mehrere hundert Mitglieder haben und ist auf Diebstahl spezialisiert. Die Remmos werden unter anderem mit dem Raub der 100-Kilo-Goldmünze im Berliner Bode Museum in Verbindung gebracht.

Der Chahrour-Clan
Der Chahrour-Clan kam in den 80ern aus dem Libanon nach Deutschland. Der Clan besteht aus zwei Gruppen: Eine ist für den Drogenhandel zuständig, die andere ist mit Prostitution und Falschgeld vertraut. Der Clan arbeitet eng mit den Hells Angels zusammen.

Die Familie Miri
Die Familie Miri ist ein libanesischer Clan, der überwiegend in Bremen ansässig ist. Der Clan hat mafiöse Strukturen und betreibt Schutzgelderpressungen, Drogen- und Medikamentenhandel, Waffenhandel und ist im Rotlichtmilieu aktiv. Der Miri-Clan hat rund 2.500 Mitglieder. Gegen mehr als 1.200 von ihnen hat die Polizei schon ermittelt.

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