Angela Merkel

Der eingespielte Politikstil der Merkel-Ära stößt in der Pandemie an seine Grenzen. Ein bräsiges Auf-Sicht-Fahren statt kreativer Ideen stimmt kaum euphorisch für die Zukunft.

Man merkt langsam, finde ich, dass die eingespielte Art der Politik, wie sie so typisch ist für die Bundesrepublik in der Ära Merkel, an ihre Grenzen gestoßen ist. Diese Wurstigkeit, das Auf-Sicht-Fahren, die erstaunliche Rückständigkeit, was die digitale Ausstattung unserer Behörden und unserer Schulen angeht – Stichwort: "Was, die haben noch Faxgeräte?!". All dieses bräsige "Schaumermal, macht doch nichts, dass bei uns alles etwas länger dauert" – das geht irgendwie nicht mehr.

Alternativloses Lockern?

Wollen wir jetzt die Pandemie endlich "besiegen"? Oder müssen wir halt – weil wir es nicht anders können – mehr Tote in Kauf nehmen, mehr Menschen, die dann womöglich unter Long-Covid, chronischem Ermüdungssyndrom oder anderen Folgen leiden müssen? Ist das der Preis für unsere bundesrepublikanische Wohlfühlrepublik? Wollen wir den zahlen?

Wir lockern, während wir doch eigentlich das Virus niederringen müssten. Das geht aber nur, indem wir eben nicht lockern. "Aber die Leute können einfach nicht mehr", tönte es die letzten Wochen, so als würde das Virus dann ein Einsehen haben. "Lockern ist alternativlos" - das schien fast Konsens zu sein, lass die Wissenschaftler, die das meist besser wissen, mal beiseite. Ja, auch der Lockdown hat natürlich schlimme Konsequenzen, für die Wirtschaft, die Kultur, die Psyche sehr vieler Menschen.

Kreativität ist gefragt

Eine kreativere, eine weniger bräsige, eine solidarischere Gesellschaft würde vielleicht darüber nachdenken und Ideen entwickeln, wie man diese schrecklichen, gegenläufigen Interessen ausgleichen könnte. Konstruktive Ideen wie die Luca-App. Oder die No-Covid-Strategie. Ja, das kostet auch Gehirnschmalz. Aber dann wieder sagt Angela Merkel, wir bräuchten jetzt den ganzen März, um eine "Teststrategie zu entwickeln". Hat man in Südkorea vor einem Jahr auch einen Monat lang an einer Teststrategie gearbeitet? Oder hat man einfach gemacht?

Okay: Lassen wir das Jammern. Aber mit dem, was uns da in den nächsten Wochen blüht - alles öffnen, oder vieles, oder mal dies, mal das, während ein mutiertes, gefährlicher gewordenes Virus eigentlich danach schreit, dass man ihm möglichst alle Ansteckungsmöglichkeiten verwehrt, bis wir dann mal alle geimpft sind irgendwann mal, und irgendwelche Gremien erarbeiten derweil Papiere zu Teststrategien und Regeln für Öffnungsschritte ... Das lässt mich leider nicht sonderlich euphorisch in die Zukunft blicken.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.3.2021, 15 bis 18 Uhr

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