Mario Draghi

Für viele Menschen in Deutschland ist Mario Draghi der Buhmann, der die Zinsen runtergesetzt hat. Doch eigentlich sollten wir dem scheidenden EZB-Präsidenten danken, meint unser Kommentator. Er habe die Kohlen aus dem Feuer geholt für untätige Regierungen.

Mario Draghi ist der bedeutendste Präsident, den die Europäische Zentralbank bislang hatte. Das liegt zum einen an seinem herausragenden Sachverstand, an seiner intellektuellen Brillanz. Er war Universitätsprofessor, Finanzminister, Notenbankchef, Investmentbanker und Zentralbankpräsident. Zum anderen hat er in den Jahren nach der schlimmsten Krise, die die Finanzwelt bislang erlebt hat, Mut bewiesen und Kreativität.

"Whatever it takes"

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Mit nur einem Satz – streng genommen sogar nur mit drei Worten – hat er den Euro gerettet: "Whatever it takes". Die Europäische Zentralbank werde "alles in ihrer Macht stehende tun, den Euro zu retten und glauben Sie mir, es wird genug sein", sagte er an die Adresse angloamerikanischer Spekulanten, die auf einen Zusammenbruch der europäischen Gemeinschaftswährung gewettet hatten. Seitdem wird in London, New York und Singapur der Euro als zweitwichtigste Währung respektiert.

Seitdem muss die europäische Politik allerdings auch mit einer Bürde leben: Draghi hat für die europäischen Staaten die Kohlen aus dem Feuer geholt, hat der Politik Zeit geschenkt für Reformen, für solide Haushalte, für kluge Zukunftsinvestitionen. Passiert ist, bis auf wenige Ausnahmen, allerdings nichts.

Buhmann ist die Politik, nicht Draghi

Statt Draghi zum Buhmann zu machen, weil er die Zinsen auf null Prozent heruntergefahren hat, zum Unmut aller Sparer – weil er Banken bestraft, wenn sie nur zögerlich Kredite an Unternehmen und Verbraucher vergeben –, sollten wir uns eingestehen: Es sind die europäischen Regierungen, die seit Jahren nichts tun, sich von einer Wahl zur nächsten hangeln, grundlegende Entscheidungen für die kommenden Generationen nicht angehen und wertvolle Zeit verspielen.

Mario Draghi hat getan, was er konnte, das Ziel der EZB zu erfüllen: für stabile Preise zu sorgen. Und er hat den Euro gerettet. Er hat mit dazu beigetragen, dass die europäische Wirtschaft wächst, dass Millionen Menschen einen Job gefunden haben.

Kein einfaches Erbe

Das Erbe, das er seiner Nachfolgerin Christine Lagarde hinterläßt, ist kein einfaches: Sie ist keine herausragende Ökonomin, sondern Juristin, eine erfahrene Politmanagerin. In politisch aufgeregten Zeiten könnte sie genau die richtige Wahl sein für einen stabilen Euro. Es ist an der Zeit, dass die Politik Verantwortung übernimmt. Es ist an der Zeit, Mario Draghi, dem Mann aus Rom, danke zu sagen!

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"Super Mario" Draghi - eine Bilanz

Sommer 2012: Die internationalen Geldgeber haben Griechenland mehr als 100 Milliarden Euro Schulden erlassen. An den Finanzmärkten geht die Angst um, auch Italien könne pleitegehen. Der Euro als Ganzes sei in Gefahr. Am 26. Juli tritt Mario Draghi in London vor die Mikrofone und sagt, er sei bereit alles zu tun was nötig sei, um den Euro zu bewahren.

An den Finanzmärkten gibt es seit diesem Tag keinen Zweifel mehr, dass der Euro neben dem US-Dollar die wichtigste und stabilste Währung ist. Sein beherztes Eintreten für die europäische Gemeinschaftswährung brachte dem Römer Draghi weltweit den Spitznamen "Super Mario" ein.

Draghi hat die Zinsen so tief gesenkt wie vor ihm noch keiner, seit März 2016 auf null Prozent. Er hat den Banken Strafzinsen aufgebrummt, damit sie mehr Kredite vergeben, statt das Geld auf dem Konto der EZB liegen zu lassen. Er hat Staats- und Unternehmensanleihen gekauft, um die europäische Wirtschaft und die zu niedrigen Preise anzuschieben.

Seit 2014 wächst die europäische Wirtschaft wieder. Millionen neuer Jobs sind entstanden. Viele der teils unpopulären Maßnahmen hätte sich die EZB seitdem sparen können, sagte Draghi unlängst, wenn die Regierungen in Europa sie unterstützt hätten – mit niedrigeren Steuern und mehr Investitionen. Gefolgt ist diesem Rat bislang keine.

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Sendung: hr-iNFO Aktualität, 23.10.2019, 6-9 Uhr

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