Corona-Test

Der Ethikrat lehnt einen Covid-19-Immunitätsausweis zum jetzigen Zeitpunkt ab. Wenn es um die Zukunft geht, teilt sich das Gremium in Optimisten und Pessimisten. Letztere haben aber die stärkeren Argumente, meint unser Kommentator.

Es ist besser, jemanden zu fragen, der etwas davon versteht. Das hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beherzigt. Er hat dem deutschen Ethikrat die Frage nach dem Corona-Immunitätsausweis vorgelegt, weil ein Minister sowas schlecht zwischen Kabinettssitzung und Lokaltermin entscheiden kann. Die über 20 Wissenschaftlern haben dann getan, wovon sie am meisten verstehen: Sie haben sich Gedanken gemacht. Das Ergebnis ist klug und wird der Sache gerecht, wir können dankbar dafür sein.

Der Reihe nach: Erst einmal hat der deutsche Ethikrat von Covid-19-Immunitätsbescheinigungen JETZT abgeraten. Erstens weiß man nicht, ob alle, bei denen die akute Infektion vorüber ist, wirklich immun gegen das Virus sind und wenn ja, wie lange. Zweitens sind die Testverfahren unzuverlässig. Da würde ein Immunitätsausweis Sicherheit vortäuschen, wo keine ist. Heute. Wenn es um die Zukunft geht, teilt sich der Ethikrat in Optimisten und Pessimisten.

Argumente der Pessimisten sind stärker

Die Optimisten nehmen an, dass wir bald genug über die Immunität nach der Infektion wissen und die Testverfahren besser werden. Unter bestimmten Bedingungen empfehlen sie einen Immunitätsausweis. Ihr stärkstes Argument: Wenn der Staat wie in der Pandemie Freiheiten einschränkt, muss er diese Freiheiten zurückgeben, so schnell es geht. Ein Immunitätsausweis könnte Reisen erleichtern, vielleicht sogar Familienfeiern oder Krankenbesuche ermöglichen. Zudem wüsste man, welches Personal man auf einer Corona-Station einsetzen kann, ohne es zu gefährden. Starke Argumente.

Aber die Argumente der Pessimisten sind stärker. Denn selbst wenn die offenen Fragen von heute beantwortet sind, öffnet der Immunitätsausweis dem Missbrauch Tür und Tor: Auch Immunitätsausweise können gefälscht werden. Außerdem muss man mit Leichtsinn und Egoismus rechnen. Wer sich jung und unverwundbar fühlt, könnte sich mit Absicht infizieren. Die Krankheit wird ihm schon nichts anhaben, danach ist er immun und kann feiern gehen oder die Maskenpflicht missachten, wie es ihm gefällt. Auch warnen die Pessimisten vor ungleichen Pflichten, wenn nur die Pflegekraft mit dem Immunitätsausweis auf die Corona-Station muss. Und am Ende haben die Gefährdeten, Kranken, Verletzlichen, die eine Infektion vielleicht gar nicht überleben könnten, das Nachsehen und sitzen zu Hause. So lehnen die Pessimisten den Immunitätsausweis ab.

Optimisten und Pessimisten eint die Hoffnung auf zuverlässige Impfstoffe. Dann nämlich hat die Sache mit dem Immunitätsausweis sich ohnehin erledigt, dann können wir uns impfen lassen. Umsonst ist die 55 Seiten starke Antwort des Ethikrates in keinem Falle. Sie zeigt: In Deutschland gibt es Experten, die man fragen kann und die dann liefern. Und: Es gibt auch Politiker, die das Kreuz haben, die Fragen zu stellen. Gut so. 

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.9..2020, 15 bis 18 Uhr

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