Erdogan

Nach Macrons Aussagen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit rief der türkische Präsident Erdogan zum Boykott französischer Waren auf. Ein unkluger Appell, meint unser Kommentator, mit dem Erdogan aber wohl andere Ziele verfolge.

Ich weiß ja nicht, was Präsident Recep Tayyip Erdogan erwartet hat, aber bisher hat sich nichts geändert: Die Straßen der Türkei sind voller französischer Autos und auch die Carrefour-Supermärkte (übrigens mittlerweile mehrheitlich in türkischer Hand) sind genauso belebt wie zuvor. Es gibt auch keine Berichte darüber, dass etwa in den Renault-Fabriken im Land nicht mehr gearbeitet würde.

Dennoch wäre es falsch zu behaupten, Erdogans Boykottaufruf sei ungehört verhallt. Medial findet er seinen Niederschlag, die Zeitungen sind voll davon – wenngleich sie das meistens sind, wenn der Präsident sich äußert. Es dürfte aber nicht zu einem Handelskrieg der normalen Menschen gegen Frankreich kommen.

Alltagsprobleme sind groß

Dafür sind die Alltagsprobleme und -fragen zu groß: Wohin etwa geht das Land in all den außenpolitischen Konflikten? Im Gasstreit im Mittelmeer, in Libyen, wo die Türken militärisch engagiert sind, wie wirkt sich der Streit um Bergkarabach aus – die Türkei steht ja an der Seite Aserbaidschans, und in allen Fragen woanders als Frankreich. Und dann die Probleme vor der Haustür: Corona wütet auch hier - und vielleicht sogar gerade in der Türkei. Wie sehr, weiß man nicht genau, weil die Türkei – wie neulich bekannt wurde - nicht die Zahl der neu Infizierten meldet, sondern nur derjenigen mit Symptomen, also wesentlich weniger als zu vermuten ist.

Nicht umsonst aber ist das in der Türkei recht neu eingeführte Kurzarbeitergeld verlängert worden bis Mitte Januar. Einhergehend übrigens mit dem Verbot, türkische Arbeitskräfte zu entlassen. Ein Weiteres: Erst am Montag ist die Landeswährung, die türkische Lira, auf ein neues Rekordtief gefallen. Spätestens bei Importwaren spüren die Menschen das zunehmend im Geldbeutel. Und was sie schon länger spüren: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen und die Wirtschaft lahmt. Da hilft es wenig, wenn aus der Regierung beschwörende Worte kommen, die Wirtschaft habe den Wachstumspfad wieder eingeschlagen.

Der Welt zeigen, dass mit ihm zu rechnen ist

Natürlich aber bindet Erdogan durch seine Anwürfe seine Gefolgschaft enger an sich. Doch ebenso vertieft er den Graben zu jenen, die sich von ihm abgewandt haben. Die Bevölkerung ist gespalten. Wie politisch unklug Erdogans Boykott-Appell letztlich ist, beschreibt der Chef der oppositionellen sozialdemokratischen CHP, Kemal Kilicdaroglu: "Streit bringt nichts", sagt er, wenn er nicht unbedingt nötig sei. Die Türkei isoliere sich so nur weiter. Und: Wenn Erdogan wirklich französische Produkte boykottieren wolle, solle er doch im Präsidentenpalast anfangen. Da vermutlich befindet sich nämlich die berühmt-berüchtigte Handtasche von First Lady Emine Erdogan – gekauft für mehrere Zehntausend Euro beim französischen Luxuslabel Hermes.

Tatsächlich dürfte es Erdogan also nicht um einen Warenboykott gehen. Sondern darum, seinen Anhängern und der Welt – vor allem der muslimischen, deren Anführer er gern wäre - ein weiteres Mal zu zeigen, dass mit ihm zu rechnen ist.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.10.2020, 15 bis 18 Uhr

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