Auf einem Duden liegt ein Gendersternchen.

Sexismus und Diskriminierung fangen schon bei der Sprache an. Es wird Zeit, das verkrustete Deutsch mit seinem generischen Maskulinum aufzubrechen und gendergerecht zu machen. Wer das nicht versteht, versteht den fundamentalsten Wert unserer Gesellschaft nicht.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste, prägende Konfrontation mit gendergerechter Sprache. Es muss ungefähr 2016/2017 gewesen sein. Im Rahmen eines Kongresses erklärte mir meine Chefin, dass sie in all ihren Texten das Wort "man" vermeide. Es machte klick. Als ich in meinem anfänglichen Protest meinte, man solle sich nicht so anstellen, hörte ich auf einmal, was meine Chefin meinte. Wieso diese drei Buchstaben diskriminierend sind. Man(n) störte das Wort nicht, sondern Frau. Ausgesprochen konnte niemand sehen, dass ich nur ein N benutzte und schon schloss ich mit einem Satz alle Menschen, die nicht männlich waren oder sich nicht so identifizierten, aus.

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Zum Artikel Gendergerechte Sprache: "Korrektheit ist ohne Neurose nicht zu haben"

Jochen Hörisch
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Für mich war das rückblickend der Tag, an dem ich zum Feministen wurde. Ich fing an, Hausarbeiten, Artikel, meine Bachelor-Arbeit, ja sogar WhatsApp-Nachrichten ohne das Wort "man" zu schreiben. Doch ich war noch nicht zufrieden. Überall tauchte das generische Maskulinum in meiner Sprache auf. Warum gehe ich zum Friseur, wenn ich doch eigentlich von einer Friseurin die Haare geschnitten bekomme? Wieso hole ich meine Brötchen beim Bäcker und nicht in der Bäckerei?

So privilegiert

Mittlerweile hat sich die Debatte um politisch korrekte und gendergerechte Sprache ausgeweitet. Es wird gestritten, ob Gendersternchen (Journalist*in), Binnen-I (LehrerIn) oder Unterstrich (Student_in) zur deutschen Sprache gehören und ob sie allgemein im Schriftverkehr genutzt werden sollen. Und dabei wird übersehen, wie privilegiert diese Debatte ist. Wie privilegiert diejenigen sind, die sich gegen eine gleichberechtigte Sprache stellen (es sind hauptsächlich Männer). Es sind solche, die kein Problem haben, eine Führungsposition zu bekommen, denen nicht im Kopierraum an den Hintern gefasst wird und auch nicht die, denen aufgrund ihres Geschlechts ein Berufswunsch verwehrt wird.

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Wissenswert: Das Gendersternchen

Das Gendersternchen (*) soll deutlich machen, dass Frauen, Männer und Personen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, angesprochen sind. 2010 tauchte das Gendersternchen das erste Mal in einem Gutachten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf. Im Laufe der Zeit fand die Schreibweise seinen Weg an Universitäten und auf die politische Bühne. 2015 beschloss die Partei Bündnis 90/Die Grünen, Anträge auf Parteitagen nur noch zu behandeln, wenn sie mit Gendersternchen formuliert sind.

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Sind wir doch mal ehrlich. Wir haben im Deutschen Worte wie "Restmülltütenverschlusssicherungsdraht" oder "Telekommunikationsdienstleistungsunternehmen" und regen uns über ein * oder einen _ auf. Sprache ist Macht. Mit ihr kommunizieren, manipulieren, verletzen, propagieren und unterdrücken wir. Schon im Mittelalter hatten die Menschen, die lesen und schreiben konnten, die größte Macht. Der systematische Völkermord an den Juden und Jüdinnen im Dritten Reich wäre ohne die Macht der Sprache in Form von Propaganda nicht möglich gewesen. Und auch die Ereignisse 2015 mit dem daraus resultierenden Hass gegen Geflüchtete wurden durch eine diskriminierende und feindliche Sprache gerahmt.

Würdelose Sprache

Zu sagen, ein * würde der Sprache schaden, im Gegenzug aber zu behaupten, Begriffe wie "man" seien nur Worte, ist ein Widerspruch in sich. Wie kann ich denn einem simplen Zeichen so viel Macht zusprechen, dass es angeblich die deutschte Sprache "vergewaltigt" (so die Vorsitzende der AfD, Alice Weidel) und im gleichen Atemzug der Sprache jegliche Bedeutung absprechen? Ich lehne mich so weit aus dem Fenster und behaupte, dass diejenigen, die sich über eine gleichberechtigte Sprache aufregen, einfach schlicht zu faul sind, die *-Taste zu drücken. Das Argument der zerfallenden Kultur und Tradition wird nur vorgeschoben, weil es so herrlich einfach ist.

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hr-iNFO-Redakteur Julius Tamm
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Mit der Sprache beginnt Veränderung. Mit ihr formulieren wir die Ideen in unserem Kopf, machen sie greifbar und legen den Grundstein für alles Weitere. Bei der Debatte um gendergerechte Sprache geht es nicht nur um Worte. Es geht darum, wie wir als Gesellschaft zusammen leben wollen. Ob wir uns als eine inklusive Gemeinschaft auf Basis von Toleranz und Gleichberechtigung sehen. Der erste Artikel unseres Grundgesetzes lautet "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - eine Sprache, die mehr als die Hälfte aller deutschen Bürger*innen ausschließt, erscheint mir ziemlich würdelos.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 6.3.2020, 6 bis 9 Uhr

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