Barrikade von Protestierenden im Hambacher Forst mit der Aufschrift "Ende Gelände - der CO2-Countdown läuft"
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Wie geht es weiter mit der Kohle in Deutschland? Seit im Hambacher Forst die Baumhäuser geräumt werden, diskutiert das ganze Land über dieses Thema. Und dabei geht es um viel mehr als um ein paar Bäume, meint unser Kommentator.

Hütten werden geräumt, Bäume sollen gefällt werden, danach rollen laut Plan die Schaufelradbagger an, um die Braunkohle freizulegen. Das alles ist nach überwiegender Einschätzung legal. Die Braunkohle unter dem Hambacher Forst zu fördern, ist genehmigt. Im Übrigen von der damaligen rot-grünen Landesregierung in NRW. Es geht aber doch überhaupt nicht um ein paar Hektar Wald. Es geht auch gar nicht um die Frage legal und illegal. Hambach ist längst zum Symbol geworden. Es geht um die Frage, wie wir alle gemeinsam die Zukunft unseres Landes gestalten.

Welcher Irrsinn!

Es geht darum, dass Bürgerinnen und Bürger politische Entscheidungen nicht mehr verstehen, nicht mehr nachvollziehen können. Ständig hören wir vom Klimaziel – von dem sich die Bundesregierung schon verabschiedet hat. Von der umso mehr notwendigen Reduktion von Kohlendioxidausstoß, zu der wir uns übrigens auch völkerrechtlich verpflichtet haben im Pariser Abkommen. Wir hören von einer sogenannten Kohlekommission, die sich Gedanken darüber machen soll, wie der Strukturwandel in der Lausitz und im Rheinischen Revier aussehen kann. Dass Deutschland aus der klimaschädlichen Kohleverstromung aussteigt, ist dabei jedem klar. Das Ob ist nicht die Frage, sondern das Wann und Wie.

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Und zur gleichen Zeit, da das diskutiert wird, wird in Hambach der Wald erst geräumt und dann gerodet, um an die Kohle zu kommen. Welcher Irrsinn! Deswegen wird demonstriert, deswegen besetzen Menschen den Wald. Nicht um ein paar Stileichen zu retten. Aber die Bäume sind greifbar, anfassbar, real. Und nicht so abstrakt wie CO2-Ziele.

Hambach markiert eine Zäsur

Im Rückblick werden wir deshalb vielleicht mal sagen: Hambach markiert eine Zäsur. Den Punkt, ab dem eine noch breitere Öffentlichkeit nachdenkt, mit welcher Energie wir uns künftig versorgen wollen. Und den Punkt, ab dem noch mehr Bürgerinnen und Bürger darüber nachdenken, in welcher Form sie an staatlichen Entscheidungsprozessen beteiligt werden wollen. Meine These: der Hambacher Forst ist das Wackersdorf der deutschen Kohle. Auch bei den Protesten gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll in den 80ern ging es nicht um ein Stück Wald. Es ging um die Zukunft der deutschen Atomindustrie. Und um eine neue Kultur von Protest und Widerstand, eine neue Kultur den Staat kritisch zu hinterfragen. In Hambach entscheidet sich die Zukunft der Kohle. Und vielleicht sogar noch viel mehr.

Sendung: hr-iNFO, 27.9.2018, 13:30 Uhr

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