Kirchenaustritt
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Die Zahl der Kirchenaustritte steigt rapide. Wenn die Kirchen diesen Trend abmildern wollen, müssen sie sich den Gesetzen des Marktes unterordnen, meint unser Kommentator. Denn Glaube sei mehr denn je eine Frage der Wahl - und Angebot und Nachfrage passten nicht mehr zusammen.

Historisch ist das, was wir erleben, beispiellos: Eine der prägendsten Institutionen unserer abendländischen Gesellschaften – das Christentum - ist dabei, sich vor aller Augen aufzulösen. Zumindest in Gestalt seiner maßgeblichen Institutionen, der Kirchen, zumindest in unserer Weltgegend.

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Über Jahrhunderte lieferte das Christentum hierzulande in seinen Kirchen und Ritualen eine spirituelle Heimat für viele Menschen. Der Rhythmus des Lebens, unsere Dörfer und Städte waren kulturell geprägt vom Herzschlag dieser Religion. Und ausgerechnet in einer Zeit, die mehr denn je nach Orientierung sucht, mehr denn je Heimatbedarf hat, mehr denn je Menschen hervorbringt, die sich nach einem Obdach für die Seele sehnen, ausgerechnet jetzt kann die Kirche die Brücke nicht mehr bauen.

Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen

Ich finde das tragisch, denn das humane Potenzial der Kirchen ist groß, trotz aller Missstände. Sie haben einen riesigen Schatz an Orientierungswissen. Aber heute ist bei vielen die Entfremdung einfach zu groß geworden, auch wegen kirchlicher Skandale. Vor allem aber passen die Nachfrage und das Angebot der Kirchen oft nicht zusammen - gerade bei den Menschen zwischen 25 und 35 in der Rushhour des Lebens, mit Heirat, Berufseinstieg und Familiengründung. Sie stellen den größten Anteil der Austretenden. Da hat die Kirche wenig zu bieten.

In jedem Wirtschaftsbetrieb würde am Tag der Veröffentlichung so desaströser Zahlen der Vorstand Konsequenzen ziehen. Bieten wir das richtige Produkt an? Haben wir die Nutzer gut genug im Blick? Besonders die zukunftsrelevanten jungen Erwachsenen? Aber die Kirchen vermitteln nicht den Eindruck von Tatkraft, sie scheinen zu wissen, dass sie nicht die Möglichkeiten haben, den Trend zu stoppen.

Spielregeln haben sich grundlegend geändert

Es gibt vermutlich auch gar kein Rezept dagegen. Sie versuchen ja schon viel, mit Jugendkirchen, Gospelchören, Tauffesten unter freiem Himmel und kirchlichen Schulen. Aber die Spielregeln haben sich grundlegend geändert: Bis vor 50 Jahren war man ungefragt in einer Kirche, von der Wiege bis zur Bahre. Nur deshalb gab es einen so hohen Mitgliederbestand.

Heute ist alles ein Gegenstand der Wahl, der Entscheidung. Natürlich auch der Glaube und besonders die Kirche. Und viele, die nur "von Hause aus" Christen sind, wählen die Kirche ab, wenn sie ihnen nichts bringt. Da kann man niemandem einen Vorwurf machen. So ist das heute. Die Kirchen werden sich unter diesen Bedingungen neu erfinden müssen - und täten gut daran, mehr Kundenorientierung zu zeigen. Aber einen Weg zurück zu alter Größe gibt es nicht.

Sendung: hr-iNFO, 19.7.2019, 16:25 Uhr

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