Mann sitzt alleine im Zuschauerrang

Theater, Opern und Konzerthäuser müssen im November wieder schließen. Doch diese Entscheidung treffe die Falschen, meint unsere Kommentatorin. Sie sei Zeichen einer populistischen, getriebenen Politik.

Es reicht. Wir sind weder Egoisten noch Hedonisten. Im Gegenteil. Wir sind jene, die alle Hygieneregeln am strengsten befolgen. Wir sind jene, die Häuser mit den besten Hygienekonzepten bespielen und besuchen. Wir sind jene, bei denen jeder Infektionsfall minutiös nachverfolgt werden kann: 80.000 ZuschauerInnen in Salzburg, ein Fall hinter der Bühne, sofort isoliert. Wagners Walküre in Berlin. Jeden Morgen haben sich alle Mitwirkenden der Deutschen Oper testen lassen, mittags, weil niemand positiv war, begannen die Proben. Wir Zuschauer trugen und tragen klaglos während der sechs Stunden im Opernhaus Masken.

Populistische, getriebene Politik

Viele von uns gehören so wie ich zu den Hochrisikogruppen. Wir schützen Andere und uns selbst. In den Kultureinrichtungen herrscht eine ganz besondere Vorsicht. Aber nicht nur wir Bedrohten wissen, wie sehr wir aufpassen müssen: Bitte wer kuschelt und quatscht während klassischer Konzerte, wer säuft im Theater, wer singt in der Oper mit und wer tanzt bei einer Lesung? Niemand.

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Zum Artikel Kommentar: Kulturmacher büßen für jene, die die Politik nicht in den Griff bekommen hat!

Straßenbahnen passieren am 24.05.2017 in Frankfurt am Main (Hessen) den Gebäudekomplex (l) von Schauspiel und Oper. Seit einem Jahr wird in Frankfurt über die Zukunft der maroden Städtischen Bühnenanlage diskutiert. Frankfurts Schauspiel und Oper sind in einer 1963 gebauten Theater-Doppelanlage untergebracht. Sie gilt als eine der größten in Europa, ist jedoch dringend sanierungsbedürftig.
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Wir, die Kulturmacher und die Kulturbegeisterten, büßen für jene Gruppe, die kein Politiker in den Griff bekommen hat, nämlich die Hochzeiter, die Partymacher, die Leugner. Ihretwegen soll vielen, vor allem kleineren Kulturinstitutionen, jetzt der Todesstoß versetzt werden. Diese  Entscheidung, einen Monat lang alle Kultur zu verbieten, ist dreierlei Überlegungen geschuldet: erstens einer populistischen, getriebenen, keinerlei Studien entsprechenden „Jetzt-greifen-wir-auch-bei der Kultur-durch“-Politik. Wäre ja den Argumentationsresistenten schwer zu erklären, warum Theater und Konzerthäuser geöffnet bleiben sollen, während sie keine Feten feiern dürfen.

Es lebe die Konsequenz - auch wenn sie vollkommen sinnlos ist

Zweitens einer absolut inakzeptablen Verzichtsethik, nach dem Motto: Wenn wir schon Bordelle, Fitnesstudios und Bars schließen, dann sollt Ihr Kulturliebhaber auch darben. Ihr Künstler traut Euch ja eh nicht, auf den Putz zu hauen. Und wenn wir Euch Sängerinnen, Tänzer und Schauspielerinnen wieder arbeiten lassen, Euch, die Ihr seit Jahrzehnten täglich übt, die Ihr Euer Leben der Musik, dem Schauspiel, der Literatur geweiht habt, dann taucht Ihr bestimmt wieder irgendwo hinter den Supermarktregalen auf, die Ihr aus Existenznot mit Klopapier und Katzenstreu aufgefüllt habt. So ist das nämlich. KünstlerInnen sind mittlerweile so pleite, dass sie eben im Supermarkt als Hilfsarbeiter anheuern.

Drittens: Es droht so vielen Geschäften und Betrieben außer Amazon und dem Lebensmittelhandel die Insolvenz. Warum sollen wir Rücksicht nehmen auf die 100 Milliarden Bruttowertschöpfung, die Ihr Kulturleute im Jahr erarbeitet? Keine Ausnahmen. Es lebe die Konsequenz, auch wenn sie vollkommen sinnlos ist, weil sich in perfekt gelüfteten und alle Hygieneregeln umsetzenden Theatern oder Konzertsälen niemand ansteckt. Sicher, man muss zu den Sälen hinkommen und zurück, aber auch da gilt: strenge Maskenpflicht. Die heutige Entscheidung trifft die Falschen, sie trifft sie ins Mark, sie ist zerstörerisch, denn Kultur ist nicht systemrelevant, dieser Begriff aus der Finanzkrise nervt nur noch. Kultur ist existenzrelevant, sie ist lebensrelevant.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 29.10.2020, 6 bis 9 Uhr

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