Verärgerter Anhänger von US-Präsident Trump in Menge von Demonstranten nach den Präsidentschaftswahlen.

Trump hat eine besondere Art der Politikvermittlung: einfache Antworten auf komplizierte Fragen, gerne auch betont konservativ und nationalistisch. Deswegen haben viele ihm bei der Wahl ihre Stimme gegeben. Was wird jetzt aus seinen Fans?

Donald Trump hat diese Wahl verloren, seine politische Strategie ist gescheitert. Eine Abrechnung mit vier Jahren Trumpismus war diese Wahl aber nicht. Denn mehr als 71 Millionen Stimmen für ihn – sieben Millionen mehr als 2016 – sind ein Signal von Treue und sehr viel Akzeptanz in der Bevölkerung. Was aber passiert nun mit diesen 48 Prozent der Wählerinnen und Wähler, von denen nicht wenige Donald Trump als ihren großen Helden sehen? Der ihr Land wieder auf den richtigen Weg gebracht und ihnen neuen Respekt und Selbstvertrauen gegeben hat?

Die ausgestreckte Hand von Joe Biden werden sie misstrauisch nicht nehmen. Denn die halten sie für die Hand einer Marionette einer radikalen Linken in der Demokratischen Partei, die bald übernehmen wird. Der Republikanischen Partei vertrauen viele von ihnen ebenfalls nicht. Denn deren Parteigrößen haben Donald Trump lange bekämpft, bis er sie und die Partei auf seine Linie gezwungen hatte und sie keine andere Chance hatten, als seiner Ansage zu folgen.

Vertrauen in Trump, nicht in die Partei

Es ist in der Partei weit und breit auch keine andere Führungspersönlichkeit in Sicht, die Trumps Anhänger auffangen und integrieren könnte. Donald Trumps Erfolg lag ja gerade darin, dass er sich als Anti-Politiker im Kampf gegen das politische Establishment präsentierte. In ihren Augen ist er sich immer treu geblieben, hat das Land ebenso wie das Amt des Präsidenten verändert, nicht er hat sich vom Amt korrumpieren lassen. Ihm vertrauen sie. Nicht den Republikanern, die ja selbst Teil dieses Establishments sind.

Zitat
„Das Symbol dieser Freiheit ist die eigene, individuelle, von keinem Staat reglementierte Waffe.“
Zitat Ende

Trumpismus - das ist für die überzeugten Anhänger von Donald Trump eine Frage von Werten. Ganz oben steht die individuelle Freiheit, die sie in erster Linie so interpretieren, dass ihnen niemand andere Lebensentwürfe und Prioritäten überstülpt. Tatsächlich steckt dahinter die Angst, ihre privilegierte Rolle als weiße, traditionell denkende Mittelstands-Amerikaner zu verlieren. Das Symbol dieser Freiheit ist die eigene, individuelle, von keinem Staat reglementierte Waffe.

Ein Reservoir für politischen Extremismus

Alles andere ist ein Teil davon: America first, die Abgrenzung gegen Einwanderer, Bulli-Umgang mit Handelspartnern und internationalen Organisationen. Die Millionen, die Trump – nicht die Republikanische Partei – gewählt haben, können in den nächsten Jahren zu einer mächtigen, die amerikanische Politik vor sich her treibenden Opposition werden. Eine Opposition außerhalb des Kongresses und mit dem Potenzial für sehr viel Unruhe. Für diese bietet sich derzeit ebenfalls keine Führungsperson an außer Donald Trump selbst.

Es ist reine Spekulation, aber es ist ihm zuzutrauen, dass er sich nach dem Auszug aus dem Weißen Haus zum Anführer einer inoffiziellen politischen Bewegung macht, in der er sein Programm fortsetzt. Das Programm, das den Namen Trump trägt. Aber selbst wenn sich Trump zurückziehen sollte, hinterlässt er ein millionenstarkes Reservoir für politischen Extremismus, das das Land auch ohne Trump dramatisch verändern kann.

Weitere Informationen

Kommentare spiegeln grundsätzlich die Meinung der Autoren und nicht die der Redaktion wider.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 9.11.2020, 12-15 Uhr

Jetzt im Programm