Trump

Eigentlich nutzt der US-Präsident die Rede zur Lage der Nation dazu, große Worte an sein Volk zu richten. Doch dieses Jahr wurde sie wegen des Shutdowns verschoben. Unsere Kommentatorin hat sich dennoch ein paar Gedanken gemacht und richtet selbst das Wort an das amerikanische Volk.

Mein geliebtes Amerika, was ist nur aus Dir geworden? Aus dem Land, dessen Szenerie und dessen Menschen mich immer wieder so begeistert haben. Nun hast Du einen Präsident, der rücksichtslos mit den täglichen Herausforderungen des Lebens von Regierungsangestellten pokert. Während des historisch langen Shutdowns mussten sie ihre Familien über Essensmarken ernähren und sich darum sorgen, wie sie die nächste Miete bezahlen können. Sie wurden unschuldig Opfer im Streit um eine milliardenteure Mauer zum Schutz vor ein paar illegalen Migranten. Eine Mauer, die das Land nicht sicherer machen wird.

Ein Land, in dem die wahren Gefahren bereits innerhalb der Grenzen liegen: Allein in diesem Jahr sind im Schnitt bereits fast 24 Menschen pro Tag durch Schusswaffen ums Leben gekommen, mehr als 40 wurden verletzt. Massenschießereien sind an der Tagesordnung. Nach einer solchen an einer High School im kalifornischen Parkland vor knapp einem Jahr demonstrieren Hundertausende für schärfere Waffengesetze – auch Präsident Trump scheint zunächst dafür zu sein, knickt dann aber ein unter dem Druck der Waffenlobby NRA. Nichts ist bislang erreicht.

Wahre Gefahr kommt von innen

Stattdessen wird der Umgang im Land untereinander immer feindseliger. Trump gibt die Sprache vor, mit der er politische Gegner an den Pranger stellt. Während des Wahlkampfes für die Zwischenwahlen im Kongress beschuldigt er die Demokraten, im Streben nach Macht Gesetze und Institutionen des Landes niederzureißen.

Ich habe nachgefragt, im Mittleren Westen, im so genannten Bible Belt, bei denjenigen, die Trump gewählt haben. Sie sind enttäuscht. Sie sagen, Amerika habe keine großen Staatsmänner mehr – nur noch Politiker. Niemals hätten sie im Land so viel Hass aufeinander gespürt, niemals sei die Bevölkerung so gespalten gewesen, niemals habe es so viele soziale Missstände gegeben. Sie glauben, die wahre Gefahr für die USA komme nicht von außen, sondern von innen.

Mehr Patriotismus, weniger Globalismus

Eine Gefahr birgt auch der Klimawandel: Die Waldbrände in Kalifornien haben im vergangenen Jahr einen traurigen Rekord aufgestellt: Sie sind die bislang schlimmsten Brände der Geschichte gewesen. Von der Kleinstadt Paradise blieb fast nur verbrannte Erde übrig. Und dann kam der Regen und mit ihm verheerende Erdrutsche. Doch Trump glaubt nicht an den Klimawandel und seine Folgen, will bis 2020 aus dem internationalen Klimaabkommen von Paris aussteigen. Adé, US-amerikanische Klimaschutzpolitik.

Und außenpolitisch? Da kriselt es. Das INF-Abkommen zwischen den USA und Russland steht in Frage - und so droht ein neues Wettrüsten der beiden Weltmächte. Der Handelskrieg mit China befindet sich derzeit nur im Waffenstillstand. Vor den Vereinten Nationen wirbt Trump für mehr Patriotismus, weniger Globalismus.

Wir werden auch Trump überleben

Und ziemlich egal, wohin ich als Deutsche komme, verwickeln mich Taxifahrer, Pastoren und Supermarktkassierer in politische Gespräche. So offen mit Wildfremden Politik zu diskutieren, war vor wenigen Jahren noch absolut undenkbar. Und sie stellen immer wieder eine Frage: Was halten wir im Ausland von Donald Trump?

Was soll ich da antworten? Was halte ich von einem US-Präsidenten, der jeden vor die Tür setzt, der ihm mal Widerworte gibt – und dessen engste Mitarbeiter immer wieder wegen Falschaussagen und Bestechung vor Gericht landen? Ich antworte stets: Wir werden auch Trump überleben. Und dann lächeln die Amerikaner ihr breites amerikanisches Fotogrinsen. Und ich denke: Da ist er also, dieser Funken Hoffnung. Bitte, mein geliebtes Amerika: Mach, dass dieser Funken weiter glimmt.

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Dieser Kommentar spiegelt die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO, 29.1.19, 06:10 Uhr

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