Mahnwache in Hanau

Nicht die Opfer von Hanau waren Fremde, sondern der Täter. Sie füllten Hanau mit Leben, er zerstörte es. Die Menschen in der Stadt sollten sich seine Logik der Spaltung jetzt nicht zu eigen machen.

Sie waren unterwegs in den Bars und auf den Plätzen Hanaus, er hockte in einem Kellerzimmer im Stadtteil Kesselstadt. Sie aßen und tranken zusammen mit Freunden, er hatte gar keine und lebte mit über 40 noch bei seinen Eltern. Sie füllten Hanau mit Leben, er zerstörte es. Keine Frage: Nicht die Opfer der Bluttat waren Fremde in Hanau, sondern der Täter.

Ich finde: Hanau ist eine besondere Stadt. Nicht besonders groß, nicht besonders schön und eigentlich auch nicht besonders aufregend. Das Besondere an Hanau ist seine herzergreifende Normalität. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen miteinander umgehen. Sich zu ihrer Stadt bekennen. Menschen verschiedenster Herkunft.

An Tag zwei ändert sich der Ton

Nach der Tat sind Reporter durch Hanaus Straßen geströmt, ich war einer von ihnen. Fragte ich Menschen, woher sie kommen, war die Antwort: aus Hanau natürlich. Und woher sie stammen? Das spielte keine Rolle. Bisher jedenfalls.

Am Tag nach der Tat standen die Hanauer noch zusammen auf dem Marktplatz, alle haben einander getröstet in ihrem Schmerz. Doch an Tag zwei änderte sich schon der Ton. Bei einer Mahnwache ergriff eine selbst ernannte Kurden-Vertreterin das Wort. Sie sagte: "Betroffen sind wir vielleicht alle, aber erschossen werden am Ende die Migranten." Sie rief auf zur Migrantifa, einer wehrhaften Bewegung von Migranten, die sich ab sofort selbst verteidigen.

Gestern noch Hanauer, heute Migrant

Baff. Gestern noch Hanauer, heute Migrant. Hier die Opfer, dort sogenannte Bio-Deutsche. Wir und die, die und wir. Tobias R., der mutmaßliche Täter, hätte sich wahrscheinlich selbst gewundert, wie schnell sich Menschen, die es vermutlich gut meinen, ausgerechnet seine Logik zu eigen machen. Die Logik der Spaltung.

Die war auch bei einer Groß-Demo am vergangenen Sonntag zu besichtigen. Dort wehten riesige türkische Fahnen in großer Zahl. Von den 500 deutschen Fahnen, die ein kurdischer Kulturverein verteilt hatte, war kaum eine zu sehen. Mittlerweile mehren sich auch Hinweise, dass Erdogan-treuen Funktionären aus Ankara eine türkisch-nationalistische Stimmung in Hanau anfachen.

Rollt die Fahnen ein!

Aber braucht es zum Trauern überhaupt Fahnen? Ich denke nein. Fahnen trennen die Menschen in Lager: Türke der eine, Kurdin die andere. So werden die Opfer am Ende doch noch zu Fremden, obwohl die meisten von ihnen ihr Leben in Hanau gelebt haben.

Was wir brauchen, ist ein "Wir", das alle einschließt. In Hanau, das war mein Eindruck, war so ein Wir-Gefühl schon erfreulich verbreitet. So muss es bleiben, denn es steht jetzt auf dem Spiel. Deshalb rollt die Fahnen ein und ruft nicht zum Kampf auf. Bleibt, wie ihr seid, bleibt Hanauer im besten Sinne: freie und gleiche Bürger einer lebendigen Stadt. Der Täter hat genau das nie sein wollen. Denn der Fremde, das war er.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.2.2020, 15 bis 18 Uhr

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