Samuel Paty

Als praktizierender Muslim empfindet er Karikaturen Mohammeds als verletzend, sagt unser Kommentator. Doch sie nehmen seinem Glauben nicht die Schönheit. Terroristen aber ruinieren seit Jahren seinen Ruf.

Eines gleich vorweg: Als praktizierender Muslim, für den der Prophet Mohammed der heiligste der Propheten ist, der mir näher ist und den ich mehr liebe als sogar meine Familie, finde ich Karikaturen des Propheten verletzend. Das gilt auch dann, wenn es um andere Menschengruppen geht oder bei Karikaturen anderer Propheten und Religionen, etwa wenn Jesus karikiert oder Negativklischees über das Judentum auf einem Karnevalsumzug zu sehen sind.

Ein Grund mehr, mit dem Finger auf uns zu zeigen

Aber noch viel verletzender finde ich Menschen, die meinen, sie könnten im Namen meines Glaubens losziehen und andere verletzen oder ihnen sogar das Leben nehmen. Ein Mord ist mit nichts zu rechtfertigen, weder mit dem Islam, einem anderen Glauben oder sonst irgendetwas. Es ist und bleibt ein barbarischer Akt, der aufs Schärfste zu verurteilen ist.

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Wie absurd ist es zu denken, man könne Karikaturen, die dem Islam eine absolute Gewaltbereitschaft unterstellen, mit einem Akt der Gewalt widerlegen? Als Muslim muss mich das ärgern, denn das Ansehen des Propheten wird nicht geschützt durch solche Schandtaten, im Gegenteil: Es gibt einerseits Menschen einen Grund, noch mehr mit dem Finger auf uns Muslime zu zeigen und zu sagen: 'Seht doch! So geht ihr also mit Beleidigungen um!' Und andererseits vermittelt es möglicherweise einigen Muslimen, dass Gewalt tatsächlich ihre Reaktion auf Karikaturen oder Beleidigungen sein sollte.

Nicht in meinem Namen

Dabei - und das sage ich als praktizierender Muslim - ist das im totalen Widerspruch zu dem Vorbild des Propheten selbst. Im Koran heißt es, wenn jemand einen Menschen mordet, so ist es, als habe er die gesamte Menschheit gemordet. Sein ganzes Leben lang wurde der Prophet Mohammed angefeindet und beleidigt. Seine Lehre aber ist, dass nicht der der Stärkste ist, der andere im Kampf besiegt, sondern der, der sich stattdessen im Zorn zügeln kann. Er lehrte seine Gefährten, auf Beleidigungen nicht gleichermaßen zu antworten, sondern zu schweigen und die Antwort dem Allmächtigen zu überlassen.

Seinem Unmut über Karikaturen kann und muss man gewaltfrei und zivilisiert Ausdruck verleihen. Beleidigungen oder Karikaturen nehmen meinem Glauben nicht die Schönheit. Terroristen aber ruinieren seit Jahren seinen Ruf und bringen Unfrieden in die Welt. Aber nicht in meinem Namen und nicht ohne, dass ich widerspreche. Und das tue ich hiermit, in aller Deutlichkeit. Denn mein Wunsch für die Welt entspricht dem muslimischen Gruß: Friede sei mit euch.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 21.10.2020, 15 bis 18 Uhr

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