Unwort des Jahres

Zum "Unwort des Jahres" wird seit 1991 jedes Jahr ein Begriff gekürt, der gegen das Prinzip der Menschenwürde oder gegen Prinzipien der Demokratie verstößt. Für das Jahr 2018 wurde "Anti-Abschiebe-Industrie" auserkoren. Eine gute Entscheidung, meint unsere Kommentatorin.

"Anti-Abschiebe-Industrie" – das ist eine gute Wahl zum Unwort des Jahres. Es zeigt, wie sehr sich in unseren Diskussionen Grenzen nach rechts verschieben. Und ja, diese Grenzen gibt es auch in der Sprache. Zumindest sollte es sie geben – und zwar für all diejenigen, die Sprache bewusst benutzen.


Umso schlimmer, dass dieses Unwort des Jahres von einem führenden Politiker einer Regierungspartei stammt – Alexander Dobrindt nämlich, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Ihm ist "Anti-Abschiebe-Industrie" ganz bestimmt nicht einfach so rausgerutscht. Er hat es bewusst benutzt – und Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber als Sabotage des Rechtsstaates bezeichnet. Und damit – so sieht es die Jury – unterstellt Dobrindt denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen, das große Geld machen zu wollen. Außerdem suggeriert der Begriff Industrie, dass dadurch überhaupt erst Asylberechtigte produziert würden, so die Jury. 

Das alles ist nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich inakzeptabel. Mich machen solche Worte von einem Politiker einer Regierungspartei wütend, sie machen mir ehrlich gesagt sogar ein bisschen Angst. Keine Frage, man kann über die Flüchtlingspolitik diskutieren, muss man sogar, aber in einem Rahmen, der – auch sprachlich - angemessen ist. Und dieser Rahmen ist leider verrutscht.

Sprachlichen Grenzen haben sich verschoben

"Anti-Abschiebe-Industrie", das ist da nur ein Beispiel von vielen. Auch der Begriff "Asyltourismus" war im Rennen um das Unwort des Jahres. Geprägt hat ihn Bayerns Ministerpräsident, der künftige CSU-Chef, Markus Söder. Oder auch – "Menschenrechtsfundamentalismus". Davon hatte der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer im Zusammenhang mit der Debatte um die Seenotrettung von Flüchtlingen gesprochen.

Mag sein, dass sich viele Leute heute weniger Gedanken über Formulierungen machen. Aber wenn Politiker von demokratischen Parteien nicht sensibel mit Sprache umgehen – wer dann? Alexander Dobrindt hat übrigens gelassen auf die Entscheidung zum Unwort des Jahres reagiert. Es sei in der Debatte um die Beschreibung eines Sachverhaltes gegangen – und Debatten brauchten auch zugespitze Begriffe, sagte Dobrindt in Berlin.

Das mag so sein, aber der Grad zwischen Zuspitzung und sprachlicher Verrohung ist manchmal schmal. Die Vorschläge zum Unwort des Jahres – und letztendlich die Entscheidung für "Anti-Abschiebe-Industrie" zeigen: Die sprachlichen Grenzen haben sich leider ziemlich nach rechts verschoben.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO, 15.1.19, 17:30 Uhr

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