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Zum Artikel Krise ohne Pleiten? Eigentlich insolvente Firmen leben weiter

Das Wort "Insolvenz" gelegt mit Scrabble-Steinen

Die Insolvenzantragspflicht soll noch bis Ende des Jahres ausgesetzt bleiben. Diese Maßnahme soll Corona-geplagte Unternehmen vor dem Aus retten. Aber das birgt Gefahren, wenn dadurch Unternehmen künstlich am Leben erhalten werden, findet unsere Kommentatorin.

Man kann der Bundesregierung nicht vorwerfen, sie habe die Hände in den Schoß gelegt und tatenlos zugesehen, wie Unternehmen reihenweise in die Pleite schlittern. Im Gegenteil: Die Politiker haben beherzt eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, um genau das zu verhindern. Das Kurzarbeitergeld wurde verlängert und die Insolvenzantragspflicht vorübergehend außer Kraft gesetzt. Anders formuliert: Firmen müssen seit März nicht mehr melden, wenn sie pleite sind.

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Vielen Unternehmen hat diese Schonfrist geholfen. Sie konnten das halbe bis dreiviertel Jahr nutzen, um sich neu aufzustellen, ihre Mitarbeiter an Bord zu halten, sie möglicherweise auch anders einzusetzen als bisher. Das ist die gute Nachricht.

Eine tickende Zeitbombe

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bringt aber noch etwas anderes, wenig Erfreuliches mit sich. Da werden Firmen am Leben erhalten, die schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie massive Probleme hatten, die mit ihrem Geschäftsmodell gescheitert sind, die kaum Aussichten haben, aus dieser schwierigen Situation wieder herauszukommen. Und das Schlimme daran: Man sieht ihnen nicht an, wie es um sie steht. Keine Firma hat über der Eingangstür ein Schild hängen: "Achtung, wir sind pleite"!

Man mag darüber streiten, wie es im Einzelfall so weit kommen konnte. Ich mache mir große Sorgen darüber, was das für Konsequenzen hat. Denn da werden Verträge abgeschlossen, ohne dass sichergestellt werden kann, dass die bestellten Waren später geliefert werden. Mitarbeiter rackern sich ab, in gutem Glauben, etwas für die Firma und für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes zu tun. Nur - das nutzt ihnen nichts. Sie könnten ihre Arbeitskraft, ihr Know How an anderer Stelle effektiver einsetzen. Das ist eine tickende Zeitbombe.

Gefahr auch für gesunde Firmen

Ich fürchte, dass das dicke Ende erst noch kommen wird - nämlich dann, wenn Unternehmen wieder sagen müssen, wie es um sie steht. Ich fürchte, es wird eine Pleitewelle in großem Stil geben. Und das Schlimme daran: Gesunde Firmen werden mit in den Abgrund gerissen.

Auch wenn es niemand gerne hört: Scheitern gehört zum Wirtschaften dazu. Die Wirtschaft muss sich reinigen. Im Scheitern liegen auch Chancen, Dinge anders oder besser zu machen.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors nicht der Redaktion wieder.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.09.2020, 06 bis 09 Uhr

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