Bahn Ausfälle
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Die Deutsche Bahn steht mal wieder in der Kritik - diesmal aber aus den eigenen Reihen. Zu marode seien die Strukturen, zu spät die Züge. Mitschuld an der Misere hat auch der Bund als Eigentümer des Unternehmens, meint unser Kommentator. Zu lange wurde sich aus der Verantwortung gezogen und zu wenig in eine Reform investiert.

Hoppla! Jetzt bekommt die Deutsche Bahn aber Saures von ganz oben. Der Staatssekretär im Verkehrsministerium und Bundesbeauftragte für den Schienenverkehr, Enak Ferlemann (CDU), machte den Aufschlag: Er beschwerte sich lautstark über die Qualitätsmängel im Zugverkehr,  die Unzuverlässigkeit des Staatskonzerns - mit der Leistung könne man nicht zufrieden sein.

Der stellvertretende Chef der Eisenbahngewerkschaft EVG, Klaus-Dieter Hommel, legt noch eine Schippe drauf: Die Bahn gleiche einer Katastrophenveranstaltung. All diese Komplimente landeten also unter dem Weihnachtsbaum von Bahnchef Richard Lutz. Die Kundschaft wird die Schelte gut nachvollziehen können, schließlich stellt die Bahn AG ihre Reisenden auf schier unglaubliche Geduldsproben.

Kritik von den Falschen

Klare Worte der Kritik sind angebracht, finde ich - aber nicht von Enak Ferlemann und Klaus-Dieter Hommel. Verkehrsstaatssekretär Ferlemann bekleidet dieses Spitzenamt schon seit neun Jahren und Hommel sitzt seit Menschengedenken im Aufsichtsrat der Bahn AG. Dieses Gremium wird vom Bund dominiert - und von Hummels' EVG. Im Aufsichtsrat hat man alle Personalentscheidungen, alle Unternehmenspläne, Finanzkonzepte, Strategiepapiere abgesegnet. Sie haben dort also jeden Fehler mitgetragen - und von denen gab es reichlich.

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Fakten: Die Probleme der Bahn

  • In den vergangenen Jahren wurden 16 Prozent des Schienennetzes von der Deutschen Bahn stillgelegt.
  • Nur 20 Prozent aller ICE-Züge sind voll funktionsfähig.
  • Ein Ausgabenstopp wurde verhängt und massiv Personal abgebaut.
  • Rund 20 Milliarden Euro Schulden hat die Bahn angehäuft und allein die nötigsten Investitionen betragen 80 Milliarden Euro. Im Haushalt des Bundes sind jedoch nur 20 Milliarden Euro für die Deutsche Bahn bereitgestellt.
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Auch bei der Bahn sind teure Beratungsfirmen ein- und ausgegangen, an denen bis zum Erbrechen bekannten Unzulänglichkeiten ändert sich nichts. Seit Jahrzehnten versprechen Bahnchefs - ob Mehdorn, Grube oder jetzt Lutz - vollmundig, dass alsbald alles besser werde. Das Wortgeklingel beherrschen sie, den Rest eher nicht.

Und der Bund, der Besitzer des Unternehmens? Die Bahn bekommt weder die Aufsicht noch das Geld, das sie dringend braucht. Unsere Nachbarländer geben pro Kopf der Bevölkerung mehr oder sehr viel mehr Geld für ihre Eisenbahnen aus als Deutschland. Als Folge verlottert das Schienennetz, für welches der Bund qua Grundgesetz zuständig ist.

Nur zum Däumchendrehen eingestellt?

Dafür trägt Staatssekretär Ferlemann Mitverantwortung, oder haben sie den Mann zum Däumchendrehen eingestellt? Die Verkehrsminister der letzten Jahrzehnte dürfen sich auch angesprochen fühlen. In diesem Ressort gaben sich viele Figuren die Klinke in die Hand, die versorgt werden mussten. Erinnern Sie sich an Reinhard Klimmt (SPD)? Der hatte im Saarland eine Wahl verloren. Und was wurde er? Richtig: Bundesverkehrsminister. Er war nicht der einzige von diesem Schlag. Die Bundespolitik und ihre Bahn AG, das ist die Geschichte einer organisierten Verantwortungslosigkeit. Wird das besser, nun da der Staatssekretär die Backen aufgeblasen hat? Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte spricht leider nicht dafür.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors und nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO Das Thema, 09.01.2019, 6.10 Uhr

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