Helmut Gaußmann (85) aus Messel hat im Darmstädter Impfzentrum als Erster eine Corona-Impfung erhalten.

Mit dem heutigen Wissen Entscheidungen zu kritisieren, die vor Monaten getroffen wurden, sei nicht fair, findet unser Kommentator. Bei allem, was nicht funktioniert - die EU habe bezüglich der Impfstrategie doch vieles richtig gemacht.

Nachher ist man immer schlauer: Diese Redewendung ist zwar ziemlich abgedroschen und mag auch in der Corona-Pandemie nach Ansicht einiger viel zu oft bemüht werden. Trotzdem ist sie gerade in Bezug auf die EU-Impfstrategie keine billige Ausrede, sondern eine überzeugende Erklärung. Nämlich dafür, wieso bei der Impfstoffversorgung vieles gerade nicht so rund läuft, wie es laufen könnte, wenn - ja, wenn man in Brüssel doch eine Glaskugel gehabt hätte, die die Zukunft voraussagen kann.

Da aber weder die EU noch sonst irgendjemand über solche zuverlässigen Orakelinstrumente verfügt und Corona uns regelmäßig vor völlig neue Herausforderungen stellt, ist die Kritik an Brüssel aus meiner Sicht überzogen und unfair.

Nicht nur auf ein Pferd setzen

Die Situation im vergangenen Sommer war doch folgende: Eine ganze Reihe von Pharmafirmen weltweit forschte nach wirksamen Impfstoffen. Wer da die Nase vorne haben würde, war zu dem Zeitpunkt völlig unklar. In dieser Lage setzte die EU aufs breite Streuen der Risiken, sie bestellte also Impfdosen bei mehreren Unternehmen. In der Hoffnung, dass eines schon liefern würde. Von vornherein auf nur ein Unternehmen zu setzen, das dann vielleicht nicht hätte rechtzeitig  produzieren können, das wäre aus meiner Sicht eine unverantwortliche Zockerei gewesen.

Im Übrigen war es auch genau richtig, ein gemeinsames Vorgehen in der EU zu vereinbaren und den Impfstoff gerecht unter allen Mitgliedsländern zu verteilen. Es gibt schon genug Bereiche, in denen die Union nicht auf einen Nenner kommt: zum Beispiel bei der Verteilung von Flüchtlingen oder beim zuletzt so umkämpften EU-Finanzpaket. Wäre es zum Wettlauf einzelner EU-Staaten auch um Impfstoffe gekommen, es wäre für das Bündnis ein Offenbarungseid gewesen.

Und zuletzt vermeldete sogar Biontech Phizer Lieferschwierigkeiten beim Impfstoff. Das zeigt, die Lage ist volatil, wie es im Politikerdeutsch so schön heisst. Wer nicht über hellseherische Fähigkeiten verfügt, sollte seine Kritik an der Impfstrategie der EU deshalb etwas herunterfahren.

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