Angela Merkel bei einem Treffen im Rahmen des Petersberger Klimadialogs
Angela Merkel bei einem Treffen im Rahmen des Petersberger Klimadialogs Bild © picture-alliance/dpa

Kurz vor der UN-Klimakonferenz warnt der Weltklimarat vor den Auswirkungen der Erderwärmung und drängt zu schnellem Handeln. Die Bundesregierung verhalte sich indes wie die berühmten drei Affen - und schade damit nicht nur den Bürgern, sondern auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland, meint unsere Kommentatorin.

Es ist zum Heulen. Die deutsche Klimapolitik erinnert mich im Moment an die drei berühmten Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Und wenn, dann bloß blumige Ankündigungen, auf die nichts – oder nichts Zukunftsweisendes – folgt. Die Bundesregierung ist ein umweltpolitisches Desaster. Dabei sagen die Forscher des Weltklimarates IPCC, derzeit ginge noch was, um die Erderwärmung zu begrenzen. Runter mit CO2-Emissionen, her mit den Alternativen zu Kohle, Öl und Gas, massives Energiesparen. Man muss sich nur trauen und loslegen! Aber: Die Koalition traut sich nichts, und handelt dadurch nicht nur mut- sondern auch verantwortungslos.

Weitere Informationen

Bilanz: Welche Klimaziele hat Deutschland bisher erreicht?

Hitze, Ernteausfälle, Überschwemmungen und neue Migrationswellen: Das sind nur einige Szenarien der Erderwärmung. Der Weltklimarat drängt deshalb in einem Sonderbericht zum Handeln. Wie ist die Bilanz der Bundesregierung in Sachen Klimaziele? [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Angela Merkel hatte beim Deutschlandtag der Jungen Union am Wochenende die Dreistigkeit, nochmal mächtig auf die Klimakanzlerinnen-Pauke zu hauen. Es sei dramatisch wichtig, den Ausstieg aus den fossilen Energien voranzutreiben, tönte Merkel. Aber was tut sie? Lässt die Autoindustrie weiter gewähren, die sich nach dem letzten Diesel-Scheinkompromiss über ein neues Konjunkturprogramm für Gebrauchtwagen freuen kann, statt technisch umzurüsten. Deutschland blockiert in Brüssel ambitionierte EU-Klimaziele genauso wie schärfere Grenzwerte für die Fahrzeugflotten. Berlin steht umwelt- und klimapolitisch derzeit fest an der Seite der rückständigen Hälfte der EU – und bremst dadurch diejenigen, die vorangehen wollen.

Die Techniken sind da, wir müssen nur wollen

Dabei steckt im Bericht der globalen Umweltwissenschaftler des IPCC sogar eine Hoffungsbotschaft: Die weltweite Energiewende hat begonnen. Die Techniken sind da, steht dort - wir müssen nur wollen. Und das mit Volldampf. Zum Zögern bleibt keine Zeit. Aber genau diese Dringlichkeit scheint an der Bundesregierung komplett vorbeizugehen. Sie tut so, als hätten wir noch viiiiiel Zeit in der Klimapolitik. Als könnte man die Klimaziele, die man 2020 nicht erreicht, 2030 schaffen, ohne JETZT umzusteuern und Tempo zu machen. Ohne JETZT den Ausstieg aus der Kohle zu beschleunigen. Ohne JETZT über weniger als über mehr (und auch weiter dreckigen) Verkehr zu debattieren.

Weitere Informationen

Der Kommentar spiegelt die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wider.

Ende der weiteren Informationen

Die Bundesregierung schadet damit nicht nur den Bürgern. Die kämpfen nun mit Hilfe von Gerichten statt von Politikern für saubere Luft. Halbherzigkeit und Angst schaden auch massiv dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Wer Autobauer nicht JETZT zwingt, auf Elektro-Antriebe, auf Batterien, auf Zukunftstechnik umzusatteln, der darf nachher das Licht ausmachen. Klick-Klack.

Und Parteien, die den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft nachrangig und nicht mehr als wichtige Priorität führen, geben das Signal: 'Für Zukunft sind WIR nicht zuständig. Jugend, schaut lieber woanders hin!' Auch ziemlich kurzsichtig, liebe SPD und Union. Klimavorreiter Deutschland? Noch leben wir von diesem Ruf. Aber mit einer gestrigen Klima- und Anti-Innovationspolitik ganz sicher nicht mehr lange. Es ist zum Heulen.

Sendung: hr-iNFO, 8.10.2018, 16:10 Uhr

Jetzt im Programm