Eine junge Frau auf einem Fahrrad bei Protesten in Chile

Unruhen und Proteste finden derzeit in vielen Ländern Lateinamerikas statt. Warum wird in welchem Land wogegen protestiert? Ein Überblick.

Chile

Seit Mitte Oktober gehen in Chiles Hauptstadt Santiago und weiteren chilenischen Städten Zehntausende auf die Straße. Entzündet hat sich der Protest an höheren U-Bahn-Preisen. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei, mit Brandsätzen und Tränengas, Plünderungen und Wasserwerfern.

Nach offiziellen Angaben gab es bereits mindestens 20 Tote, knapp 2000 Verletze und fast 4500 Festnahmen. Wegen der instabilen Lage im Land wird die für Dezember geplante UN-Klimakonferenz nach Spanien verlegt.

Die vor allem jungen Demonstranten fordern den Rücktritt von Präsident Sebastían Pinjera – außerdem grundlegende Reformen des ultraliberalen Wirtschaftssystems. Und eine Reform der Verfassung, die noch aus Zeiten der Pinochet-Diktatur vor mehr als 30 Jahren stammt.

Ecuador

Weiter nördlich, in Ecuador, protestieren Anfang Oktober vor allem indigene Einwohner. Die Protestierenden besetzen das Parlament, vertreiben die Regierung zeitweise aus der Hauptstadt Quito. Anlass: Staatschef Lenín Moreno will die seit den 1970er Jahren bestehenden Subventionen für Kraftstoff einstellen – zum Abbau der Staatsverschuldung.

Teil der Auflagen des Internationalen Währungsfonds, der dem Land einen milliardenschweren Kredit gewährt. Doch das trifft kleine Bauern, Händler und Busunternehmer, die ihre Existenz auf subventioniertem Diesel aufgebaut haben. Auch hier sterben Menschen, tausende werden verletzt und festgenommen. Die Proteste enden, als Präsident Moreno die geplanten Sparmaßnahmen zurücknimmt.

Argentinien

"Ja, wir schaffen das" – Der Wahlkampfslogan von Argentiniens marktliberalem Ex-Präsidenten Mauricio Macri wird nicht wahr. Seine zweite Amtszeit verhindert der Oppositions-Kandidat bei der Wahl Ende Oktober. Die linken Peronisten sind zurück an der Macht. Mit dabei Macris Vorgängerin, gegen die mehrere Verfahren wegen Korruptionsverdacht laufen.

Wider Erwarten reagieren die Finanzmärkte nahezu gelassen auf den Machtwechsel. Argentinien steht nach Ansicht von Wirtschaftsexperten vor dem nächsten Staatsbankrott, mit einer Inflationsrate von 55 Prozent, den Menschen fehlt es an bezahlbarem Essen.

Ursachen unterschiedlich

Das sind nur drei Beispiele aktueller Proteste überall in Südamerika. Die Ursachen in den einzelnen Ländern sind unterschiedlich – die Folgen hingegen ähnlich: Infolge fallender Rohstoffpreisen geraten die Länder Lateinamerikas zurück in wirtschaftliche Krisen, gerade erst etablierte Wohlfahrtsysteme kollabieren, Lebenshaltungskosten explodieren. Es kommt zu ständigen Machtwechseln zwischen linken und rechten Regierungen in polarisierten Gesellschaften, die labilen Demokratien wanken.

Und egal ob in Bolivien, Paraguay, Guyana, Venezuela oder Brasilien: Überall wehren sich Studierende, Bauern, Familien und Arbeiter gegen politische Eliten und liberale Wirtschaftssysteme, gegen soziale Ungleichheit, anhaltende Korruption und hohe Kriminalität. Und überall fordern die Demonstrierenden Reformen des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystems, eine bessere Infrastruktur und transparente, demokratische Wahlen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 6.11.2019, 6-9 Uhr

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