Sahra Wagenknecht
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Sahra Wagenknecht gründet die linke Sammlungsbewegung #Aufstehen. Es scheint, als gäbe es eine Lücke im politischen Spektrum. Was bedeutet es heute noch "links" zu sein?

In den vergangenen Tagen konnte man manchmal den Eindruck bekommen, die Frage "Was ist links?" sei ganz leicht zu beantworten. Alles, was nicht rechts ist, ist links – so lautete oft die Gleichung in der Berichterstattung. Das war eine reichlich verkürzte Darstellung und längst nicht jeder, der sich den Hitlergruß-zeigenden Demonstranten in Chemnitz entgegenstellte, wollte als "links" betitelt werden. In der Politik ist das Label "links" durchaus noch gefragt.

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Bei den Grünen kommen zwar inzwischen beide Parteichefs vom Realo-Flügel, die Vorsitzende Annalena Baerbock beantwortet die Frage, ob die Grünen noch eine linke Partei sind, aber mit einem klaren Ja. Und erklärte vor einiger Zeit in einem Print-Interview, was das für sie bedeutet. "Progressiv und emanzipatorisch zu sein, europäisch und weltoffen, ökologisch und sozial", so Baerbock. Die Interviewer fanden das ziemlich beliebig – Sahra Wagenknecht, die Initiatorin der linken "Aufstehen"-Bewegung, würde wohl zustimmen. Sie will’s original links, nicht bürgerlich-links-mittig – und sieht eine Lücke, die es zu füllen gilt. "Da entsteht ja eine riesige Leerstelle im politischen Spektrum."

Progressive Werte

Sagte Wagenknecht vor ein paar Monaten mit Blick auf die SPD und deren Wiedereintritt in die Große Koalition. SPD-Chefin Andrea Nahles, die sich per Buchtitel mal als "Frau, gläubig, links" vorstellte, will linke Kernthemen wie Gerechtigkeit und soziale Sicherheit nicht unter den Teppich kehren, hat aber sehr klar gemacht, dass sie darin allein nicht die Zukunft ihrer Partei sieht. Sozialdemokratischer Linksschwenk mit Nahles – wohl kaum.

Nils Heisterhagen, promovierter Philosoph und SPD-Mitglied, ist unzufrieden mit der aktuellen politischen Definition von "links": "Wir definieren das Links-Sein heute oft dadurch, dass wir sagen, wir haben progressive Werte wie: Wir setzen uns für's Klima ein, für mehr Geschlechtergerechtigkeit oder auch für Minderheitenpolitik. Aber wir stellen die soziale Frage nicht mehr. Und ich will hinterfragen, ob das dann wirklich links ist", so Heisterhagen.

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Verschiedene Koordinaten und Überlagerungen

Nein, sagt Heisterhagen im Deutschlandfunk, das sei nicht links, sondern linksliberal. Er diagnostiziert in der Politik aktuell eine rechts-links-Polarisierung vor allem über Werte, nicht mehr über die klassischen ökonomischen Verteilungsfragen. Doch teilweise überlagert sich das und so geht zwischen rechts und links gerade manchmal einiges durcheinander. Das bekommt die Linkspartei zu spüren, wenn Teile ihrer Anhängerschaft zur AfD abwandern, weil sie sich dort zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik besser aufgehoben fühlen. Sahra Wagenknecht spiegelt das wider, die sozial ganz links unterwegs ist, in anderen Fragen – Flüchtlinge, Europa – aber ziemlich un-linke Positionen vertritt.

Ob es ihr diejenigen, die sie ansprechen will, noch abnehmen, wenn sie mit ihrer "Aufstehen"-Bewegung die Betonung auf politische Ziele legt wie "sichere Arbeitsplätze, höhere Löhne, gute Renten und gerechte Steuern für Supereiche, Banken und Konzerne"? Die verschiedenen rechts-links-Koordinaten und ihre Überlagerungen machen es heute schwierig, die Frage "Was ist links?" eindeutig zu beantworten. Für die Gesellschaft und für den Einzelnen. "Bist Du links?" – früher hätten dafür zwei einfache Kästchen ausgereicht: Ja oder Nein. Heute müsste man wohl Multiple Choice-Antworten anbieten.

Sendung: hr-iNFO, 4.9.2018, 9.10 Uhr

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