Nina Kronjäger

Nachdem durch den Fall Harvey Weinstein die #MeToo-Debatte ins Rollen kam, hat sich auch in der deutschen Filmbranche einiges getan: Fälle sexueller Belästigung wurden erstmals öffentlich gemacht. Aber hat sich dadurch wirklich etwas geändert? Ein Gespräch mit der Schauspielerin Nina Kronjäger.

Nina Kronjäger weiß, wie schwer es Frauen in der Branche oft haben. Die gebürtige Hessin ist selbst Theater- und Filmschauspielerin. Sie erinnert sich an den Anfang ihrer Karriere. Bei ihrem ersten Engagement hat ein Theater-Regisseur sich an sie rangemacht – und ihre Zurückweisung nicht akzeptiert. 

Er habe sie danach immer wieder bestraft: "Der hat mich bei jeder Probe rausgezogen und gesagt: 'Was machst du da für einen Scheiß?' Weil ich ihn zurückgewiesen habe, hat er mich auf anderer Ebene fertig gemacht." Die Premiere habe sie "irgendwie heulend und zähneklappernd überstanden."

"Wer sich wehrt, gilt schnell als schwierig"

Heute ist Nina Kronjäger eine der gefragtesten Frauen im deutschen Film- und Fernsehgeschäft. Immer wieder hat sie sexuelle Übergriffe am Set beobachtet. Die Hierarchien sind steil, die Branche von Männern dominiert. Wer sich wehrt, gelte schnell als schwierig. "Das kann tatsächlich das Aus bedeuten. Schwierig zu sein in unserer Branche heißt eben: Mit der kann man nicht arbeiten. Und das kann heißen, dass man keine Jobs mehr kriegt."  

Jahrelang schweigen betroffene Schauspielerinnen, zu groß ist die Abhängigkeit. 2018 erreicht dann die #MeToo-Debatte die deutsche Filmbranche: Mehrere Schauspielerinnen berichten, dass sie von dem Regisseur Dieter Wedel sexuell belästigt und sogar missbraucht worden seien, so auch die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch.

Dieter Wedel habe sie in ein Hotelzimmer gelockt, sagt sie der Zeit: "Er setzte sich rücklings auf mich, packte meinen Kopf an den Haaren und schlug ihn immer wieder aufs Bett. Einmal an die Wand und dann auf die Bettkante. Ich dachte: Jetzt ist es aus." Wedel widerspricht allen Vorwürfen in einer Eidesstaatlichen Erklärung. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt.   

Arbeitgeber in der Branche reagieren

Im Oktober 2018 reagieren die Arbeitgeber in der deutschen Film-, Fernseh- und Theaterbranche. 17 Verbände gründen gemeinsam eine Vertrauensstelle, an die sich Betroffene wenden können. Themis heißt sie, benannt nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit. "Die Vertrauensstelle soll Betroffenen ein gutes Beratungsangebot geben", sagt Vorstandsmitglied Barbara Rohm bei der Gründung. Auch wenn es zu einer Beschwerde gegen den Arbeitgeber kommt, werden Betroffene betreut.

Heute, über ein Jahr später, zieht die Beratungsstelle eine positive Bilanz: Täglich meldeten sich Betroffene, um juristische und psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, so der Vorstand in einer Pressemitteilung. Die Allermeisten aber trauten sich noch immer nicht, aus der Anonymität herauszutreten. Zu groß sei die Angst, dass sie keinen Job mehr bekommen würden.

"Das große Schweigen ist gebrochen"

Für Nina Kronjäger hat sich durch dieses Angebot dennoch vieles geändert. Das große Schweigen sei jetzt durchbrochen: "MeToo und alles, was dann in Gang gekommen ist, weil Leute sich getraut haben, sich zu zeigen – das ist nicht auf taube Ohren gestoßen." Es gebe eine "große Bereitschaft, das anzuerkennen, das Thema ernstzunehmen und den Betroffenen zuzuhören. Ich empfinde das als sehr erleichternd."

Da sei aber erst der erste Schritt. Noch immer sei die Branche von Männern dominiert, sagt sie. Gemeinsam mit anderen Schauspiel-Kolleginnen wie Jasmin Tabatabei setzt sich Nina Kronjäger jetzt für eine bessere Frauenquote bei deutschen Produktionen ein - damit sexuelle Übergriffe am Film-Set nicht mehr akzeptiert werden. 

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 6.1.2019, 6 bis 19 Uhr

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