Shiori Ito
Shiori Ito hat im Oktober ihr Buch "Black Box" veröffentlicht. Bild © Imago

Ein bekannter Fernsehmoderator soll eine junge Frau vergewaltigt haben. Das Opfer geht an die Öffentlichkeit, doch kaum einer berichtet darüber. So geschehen in Japan, in diesem Jahr. Das Thema ist zu schambesetzt. Wem so etwas widerfährt, der schweigt lieber.

Shiori Ito kommt zu spät. Das ist untypisch in Japan. Aber die 28-Jährige ist ohnehin eine Ausnahme, denn sie hat ihre Vergewaltigung vor wenigen Monaten öffentlich gemacht, zwei Jahre nachdem ihr ein bekannter japanischer Fernsehmoderator erst K.O.-Tropfen ins Getränk geträufelt und sie anschließend im Hotel vergewaltigt haben soll.

Für Ito war es ein unumgänglicher Schritt, den sie sich lange überlegt hat, wie sie im Gespräch mit unserer Japan-Korrespondentin erzählt: "Das Thema ist in der japanischen Gesellschaft ein Tabu und das habe ich gebrochen, in dem an die Öffentlichkeit gegangen bin nachdem sich die Mainstream-Medien alle nicht getraut haben, meinen Fall zu veröffentlichen."

Einschüchterung statt Hilfe

Vergewaltigungen kommen laut einer Statistik der Vereinten Nationen in Japan sehr selten vor. Auf 100.000 Menschen nur ein Fall. In Deutschland sind es neun. Doch die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, denn schon das Wort Vergewaltigung ist schambesetzt, wird in der japanischen Gesellschaft mit Schuld gleichgesetzt. "Die Opfer denken: 'Wenn ich es für mich behalte, dann kann ich mein Leben wie bisher weiterführen. Und vielleicht habe ich mich auch falsch benommen, ich hätte nicht mit ihm Essen gehen sollen, vielleicht war das Kleid zu aufreizend'. All' solche Dinge. Und die, die ich als Anwältin zur Polizei begleitet habe, bekommen dann oft von den Beamten zu hören: 'Wollen sie ihn wirklich zum Täter machen. Sind sie sicher?' Sie schüchtern die Opfer also ein", sagt die Anwältin Akiku Mochizuki.

Shiori Ito
Shiori Ito im Gespräch mit unserer Japan-Korrespondentin Kathrin Erdmann. Bild © hr

Diese Erfahrung musste auch Shiori Ito machen: "Ich habe wirklich meinen ganzen Mut zusammengenommen, um zur Polizei zu gehen und die Vergewaltigung anzuzeigen. Doch statt mir zu helfen und meine Anzeige aufzunehmen, sagte man mir immer wieder: 'Ach, lassen sie das doch besser, das ist nicht gut für ihre Karriere.' Doch genau da habe ich den Rücken gerade gemacht, denn gerade ich als Journalistin muss doch für die Wahrheit einstehen." Akribisch sammelte sie Beweise. Es lag 2015 sogar ein Haftbefehl für den  mutmaßlichen Täter vor. Der wurde jedoch kurz vor seiner Festnahme fallengelassen. Offenbar auf Befehl von ganz oben, heißt es, denn der Täter ist ein guter Bekannter des rechtskonservativen Regierungschefs Shinzo Abe und hat schon mehrere Bücher über ihn veröffentlicht.

Keine "richtige Japanerin"

Die 28-Jährige Ito ließ nicht locker, doch die Staatsanwaltschaft ließ die Anklage aus Mangel an Beweisen fallen, selbst das japanische Unterhaus beschäftigte sich mit dem Fall. Derzeit führt sie eine Zivilklage und fordert Schadenersatz. Und gerade hat sie das Buch "Black Box" veröffentlicht, will endlich das Problem ans Licht holen, wohlwissend, dass es ein weiter Weg ist. "Die Metoo-Bewegung wird es in Japan nicht geben, aber ich höre doch ganz leise Stimmen. Das Problem ist nur, dass diese Stimmen nicht lauter werden können, denn es gibt in Japan kein Hilfesystem, und wer sich laut äußert, wird angegriffen. Also bleiben lieber alle still", so Ito.

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Einige Frauen hätten sich ihr anvertraut, einige haben sich auch hinter sie gestellt, aber sie wurde und wird auch übel beschimpft: „Wenn man im Internet meinen Namen eingibt, dann findet man Kommentare von Leuten, die schreiben: 'Die Ito, das ist doch keine richtige Japanerin, so etwas macht die nicht. Sie muss eine Nordkoreanerin sein.' Es ist traurig, dass es hier nicht um die Sache geht, sondern ich auch noch schlechtgemacht werde.“

Eine Änderung ist nicht in Sicht

Noch immer weine sie viel, erzählt Ito. Sie lebt und arbeitet inzwischen in Europa. Akiko Mochizuki wundert das nicht. Die Anwältin betreibt in Tokio auch eine Beratungsstelle für Gewaltopfer. Seit der Gründung 2012 habe es 1.700 Hilferufe gegeben. Das sei bei den sehr eingeschränkten Öffnungs- und Beratungszeiten viel. "Die meisten Fälle sind Vergewaltigungen. Die Täter kommen sehr häufig aus dem direkten Umfeld. Und das ist natürlich auch der Grund, weshalb viele Opfer nicht zur Polizei gehen. Sie melden sich dann erstmal bei uns. 10 Prozent der Opfer sind übrigens Männer, die entweder von Frauen oder von anderen Männern vergewaltigt wurden."

Der jungen Journalistin Ito zollt die Anwältin Respekt für ihren Mut. Sie glaubt jedoch nicht, dass sich so schnell etwas in der japanischen Gesellschaft ändert. Dafür bedürfe es ganz anderer Dinge. "Japan wird immer als sehr sicheres Land verkauft, das trägt natürlich zur Gesamtstimmung bei. Da passen Vergewaltigungen nicht ins Bild, auch die Medien klammern das Thema aus. Und das wird sich fortsetzen, denn anders als in westlichen Ländern, gibt es hier überhaupt keine Prävention. Während anderswo schon in der Grundschule auf das Problem aufmerksam gemacht und richtige Verhaltensweisen geübt werden, gibt es das in Japan überhaupt nicht. Und wenn es dann zu einem Übergriff kommt, wissen sie alle nicht, wie sie damit umgehen sollen."

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Sendung: hr-iNFO, 27.12.2017, 9.20 Uhr

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