Ein polnischer Soldat patroulliert an der Grenze zu Belarus vor einem Stacheldrahtzaun.

Europa schottet sich mehr und mehr gegen Geflüchtete ab - durch Mauern und die Überwachung der Grenzen. Aber woher und warum kommen die Menschen eigentlich, die nach Europa wollen?

Hunderte Menschen harren derzeit in Belarus an der Grenze zu Polen aus, in der Hoffnung, doch noch in die EU und nach Deutschland zu gelangen. Darunter ein 24-jähriger Mann, der anonym bleiben möchte. "Sie zwangen uns jeden Tag, die polnische Grenze zu überqueren", sagt er. "Sie sagten uns: 'Entweder ihr sterbt in Belarus oder ihr geht nach Polen.'"

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Festung Europa: Wie sich die EU gegen Migranten abschottet

Migranten sitzen zusammen vor der Grenze in Belarus am gesperrten Übergang zu Polen
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Er kommt aus Syrien – wie viele hier. Wer dort noch alles auf eine Einreise nach Polen und damit in die EU wartet, das weiß Sabine Lehmann, Deutschland-Sprecherin der der internationalen Organisation für Migration (IOM). "Die Menschen, die mit Visa per Flugzeug nach Belarus gekommen sind und jetzt an der Grenze zu Polen festhängen, das sind vor allem Kurden aus dem Irak, aber auch aus Syrien, Iran, Afghanistan, Jemen, Kamerun und anderen Ländern."

Kriege, Umweltveränderungen, wirtschaftliche Not

Polen und Belarus, das ist natürlich nur eine der vielen Außengrenzen der EU. Die längste und auch gefährlichste ist das Mittelmeer. Über die drei Mittelmeerrouten kommen Menschen "vor allen Dingen aus afrikanischen Ländern, viele südlich der Sahara, aber auch aus nordafrikanischen Ländern wie zum Beispiel Tunesien, und dann natürlich aus den Krisengebieten oder auch aus den Krisengebieten Iran, Irak, Afghanistan und Syrien", sagt Lehmann.

Woher die Menschen kommen, hat sich in den letzten Jahren nur minimal verändert. Laut dem Auswärtigem Amt haben im Jahr 2020 die meisten Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan an den EU-Außengrenzen um Asyl gebeten – die illegalen Grenzübertritte nicht mitgezählt. Die Ursachen sind dagegen die gleichen geblieben. "Dazu zählen natürlich Kriege wie jetzt in Syrien, in Afghanistan oder im Jemen", so Lehmann. "Aber eben auch Umweltveränderungen durch Klimawandel, also zum Beispiel Dürrren. Und natürlich machen die Menschen sich auch aus wirtschatlicher Not auf den Weg, aber das können sich eben oft nur die leisten, denen es schon etwas besser geht."

2.700 Tote in diesem Jahr

Egal ob auf dem Land oder auf dem Wasser – eine Flucht birgt viele Gefahren. Auch dieses Jahr haben viele bei dem Versuch nach Europa zu kommen, ihr Leben verloren. Sabine Lehmann kennt die Zahlen genau: "Allein in diesem Jahr sind auf den Migrationsrouten nach und innerhalb Europas mehr als 2.700 Menschen gestorben. Das wären im Grunde genommen 27 Flugzeuge mit je 100 Personen, die nur in einem Jahr abgestürzt sind. Und da ist noch nicht die Dunkelziffer drin, denn wir müssen ja davon ausgehen, dass auch viele Boote unbemerkt versinken."

Einige geben auch auf. So haben in den letzten Wochen etwa 3.000 Menschen Belarus wieder verlassen, um etwa in den Irak oder nach Syrien zurückzukehren. Fakt ist aber auch: Die meisten Geflüchteten weltweit wollen gar nicht in die EU, sondern fliehen in ihre Nachbarländer. "Im Libanon leben mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge", sagt Lehmann. "Und der Libanon selbst ist gar nicht so groß, das bedeutet, dass jeder sechste Mensch dort ein Flüchtling ist. Und diese Menschen hängen dort oft über Jahre fest, ohne tatsächliche Perspektiven, und überlegen dann natürlich, wie es weitergehen kann."

Und das kann dann bedeuten, sie klopfen doch noch an den europäischen Türen an. Oft eben ohne Erfolg – wie die Menschen derzeit in Belarus.

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