Kinder Sportverein

Sexueller Missbrauch im Sport ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit wenig Beachtung findet. Doch immer wieder kommt es dazu, dass Trainer ihren Schutzbefohlenen zu nahe kommen. Was tun, wenn ein solcher Verdacht besteht? Und was können Vereine tun, um Missbrauch vorzubeugen?

Darüber haben wir mit Angelika Ribler gesprochen. Die Diplom-Psychologin und Sportwissenschaftlerin ist Referatsleiterin für Jugend- und Sportpolitik bei der Sportjugend Hessen im Landessportbund Hessen.

hr-iNFO:  Die Sportjugend Hessen hat seit einigen Jahren das Thema Kindeswohl im Sport ganz oben auf ihrer Agenda. Wie ist das Kindeswohl definiert?

Ribler: Wir kümmern uns nicht nur um die sexualisierte Gewalt im Sport, sondern wählen einen breiteren Ansatz. Kindeswohl umfasst auch alle Formen von psychischer Gewalt, Vernachlässigung und auch physische Gewalt.

Missbrauch im Sport

hr-iNFO: Bei der Sportjugend Hessen wird immer wieder davon gesprochen, dass man eine Kultur des Hinsehens in den Vereinen schaffen möchte. Wegsehen ist traditionell leichter als hingucken, oder?

Ribler: Das betrifft nicht nur den Sport. Wer mag schon gerne Konflikte oder unangenehme Situationen? Wir stärken die Kultur des Hinsehens seit vielen Jahren und haben sehr, sehr viele Angebote für die Vereine geschaffen, damit immer mehr Menschen für dieses Thema sensibilisiert werden und tatsächlich der Schutz der Kinder erhöht wird.

Eher Unsicherheit als bewusstes Weggucken

hr-iNFO: Ist das Wegsehen immer noch ein Problem?

Ribler: Es hat sich sehr geändert in den letzten Jahren. Es gab große Vorbehalte, das Thema ist auch mit Scham besetzt und man ist immer noch sehr unsicher: Was kann ich tun, wenn ich  eine Grenzüberschreitung beobachte? Nicht nur aus Sicht der Betroffenen, sondern auch der Übungsleiter, der Trainer, der Vereinsverantwortlichen. Wie bewerte ich diesen Vorgang, den ich da sehe oder wenn ich etwas berichtet bekomme? Ich glaube gar nicht, dass es ein bewusstes  Weggucken ist, sondern eine Unsicherheit, wie ich mit den Informationen oder Beobachtungen umgehe.

Weitere Informationen

Mehr zum Thema

  • Handlungsleitfaden: Was tun, wenn man den Verdacht auf Kindeswohlgefährung im Sportverein hat oder davon weiß? Die Sportjugend Hessen hat einen Leitfaden entwickelt. [mehr]
  • Kindeswohl im Sport: Umfangreiche Informationen zu Präventionsarbeit, Vorgehen im Verdachtsfall und Ansprechpartner finden Sie hier [sportjugend-hessen.de].
  • Forschungsprojekt "Safe Sport": Analyse von Häufigkeiten, Formen, Präventions- und Interventionsmaßnahmen bei sexualisierter Gewalt. Hier finden Sie den Ergebnisbericht [dsj.de]
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hr-iNFO: Ist der Sport anfällig für Missbrauch, weil Nähe, Körperkontakt und Körperkultur ja nun der Ursprung des Sportes sind?

Ribler: Also ich würde sagen, Sport ist nicht besonders anfällig für Missbrauch, aber er bietet bestimmte Voraussetzungen, eben durch die körperliche Nähe, durch das enge Verhältnis zwischen Trainer und Sportlerin oder Sportler. Es kann durchaus  zu einem Machtmissbrauch kommen , der mit oder ohne sexualisierte Gewalt ausgetragen wird. Und im Sport spielt natürlich der Körper und die Körperlichkeit - Hilfestellung ist da nur ein Beispiel - eine Rolle.

"Jedes Machtverhältnis ist eine gewisse Attraktion für Menschen, die das ausnutzen"

hr-iNFO: Im Zusammenhang mit einem zurückliegenden Fall wird ein Jurist mit dem Satz zitiert, der Sport werde die neue katholische Kirche im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch. Stimmt das?  

Ribler: Da ich nicht in der katholischen Kirche bin, möchte ich diesen Vergleich nicht ziehen. Wenn ich die Vorfälle in der katholischen Kirche richtig verstanden habe, gab es Priester, die dann versetzt worden sind, wenn sie des Missbrauchs überführt worden sind, der Fall aber nicht aufgedeckt und besprochen wurde. Meine Beratungserfahrung im Sport ist eine andere: Im Sportverein stellt man sich sehr wohl die Frage, wie geht man mit einem Trainer im Falle einer Grenzverletzung um. Dass man so komplett wegguckt, einen Trainer versetzt und der dann wieder woanders anfängt und der neue Verein weiß Bescheid, aber keiner tut was -  würde ich nahezu ausschließen.

Grafik zu Missbrauch in Sportvereinen

hr-iNFO: Ist das Vertrauensverhältnis zwischen Athleten und Trainern eines, das es einem Täter leichter macht, seinen Schutzbefohlenen zum Opfer werden zu lassen?

Ribler: Jedes Machtverhältnis ist eine gewisse Attraktion für Menschen, die das ausnutzen. Das besondere Verhältnis zwischen Trainer und Sportlerinnen und Sportlern besteht ja nicht nur in der Häufigkeit des Trainings, sondern auch in der Intensität der Zusammenarbeit. Es ist ja ein Riesenunterschied, ob ich eine Kinderturngruppe mit fünfundzwanzig Kindern habe, wo die Eltern an der Seite sitzen und jeder einen Blick auf das Geschehen hat, oder ob es, wie zum Beispiel im Spitzensport, ein sehr enges Verhältnis zwischen Trainer und Sportlerin und Sportler gibt, die drei, vier, fünf, sechs Mal in der Woche - auch teilweise alleine in einer Halle trainieren oder auf dem Platz. In einem solchen Fall besteht ein ganz anderes Abhängigkeitsverhältnis.

hr-iNFO: Gibt es Sportarten, in denen das häufiger vorkommt als bei anderen? Stehen Turnen und Schwimmen in der "Hitliste" deutlich vor Handball und Fußball?

Ribler: Das kann ich so nicht bezeugen. Was wichtig ist, ist das Alter der Kinder. Also in welchem Alter treten die Kinder - vor allen Dingen im Hochleistungssport - in die Sportart ein. Wenn ich Kinder habe, die 12 oder 13 sind, dann sind sie schon in einem anderen Entwicklungsstadium, als wenn sie fünf, sechs, sieben sind. Da haben sie zwar schon ein Unrechtsbewusstsein, aber eben noch nicht die Möglichkeiten, sich vielleicht wie junge Jugendliche auch dagegen zu wehren.

"Ich lasse den Kindern viel Zeit"

hr-iNFO: Sie beraten auch betroffene Kinder und Jugendliche. Können Sie das beschreiben?

Angelika Ribler

Ribler: Die konkrete Situation ist jedes Mal einfach unbeschreiblich. Ich lasse erst mal dem Kind, dem Jugendlichen viel Zeit. Ich mache die Bürotür zu, lege sämtliche Termine beiseite und gebe dem Kind Zeit, mir von seinen Erlebnissen zu erzählen. Und dann begleite ich das Kind auch emotional, ich gehe mit ihm - wenn es mir seine Gefühle so offen zeigt - die Situation soweit durch, wie es mich führt. Wir überlegen gemeinsam, was das Beste ist - ob das Kind zum Beispiel in der Gruppe bleibt oder ob es die Gruppe verlässt.  Ich muss aber dazu sagen, dass in der Regel selten Kinder und Jugendliche, die direkt betroffen sind, bei mir anrufen oder zu mir kommen. Es sind eher Eltern oder eben Vereins-Führungskräfte, die  sich über das Verhalten eines Trainers beschweren.

hr-iNFO: Es ist sicher auch schwer für betroffene Kinder und Jugendliche, überhaupt über so etwas zu sprechen.

Ribler: Die Scham ist groß und manchmal noch größer, wenn entgegen des Willens der Betroffenen agiert wird. Ein Beispiel: Wenn ein Vater oder eine Mutter mich anrufen und sagen, es ist das und das passiert und wir haben schon allen Eltern aus dem Verein eine E-Mail geschrieben, dass unser 13-jähriger Sohn von dem Trainer auf dem letzten Trainingslager in der  Nacht unsittlich angefasst wurde, dann kriege ich erst mal einen Riesenschreck. Denn es ist sicherlich nicht im Interesse des Sohnes, dass nun der gesamte Verein weiß, dass er vom Trainer angefasst wurde.

Insofern rate ich an der Stelle erst mal zu Zurückhaltung. Man muss immer gut gucken, wer überhaupt über so einen Fall informiert wird, damit es eben nicht zu solchen Schamgefühlen kommt. Es ist gut, wenn nur ganz wenige Leute wissen, was passiert ist, damit das Kind oder der Jugendliche er auch unbeschwert weiterhin seinen Sport im Verein ausüben kann.

Viele Grenzverletzungen, die nicht justiziabel sind

hr-iNFO: Wann ist denn aus Ihrer Sicht eine Grenze überschritten? Wann sprechen Sie von Missbrauch? Gibt es eine rote Linie?

Ribler: Eine rote Linie ist natürlich immer alles, was justiziabel ist. Aber viele Grenzverletzungen,  von denen ich berichtet bekomme, können nicht auf der juristischen Ebene verurteilt werden. Ich muss mit allen Beteiligten Regeln entwickeln beziehungsweise auch Gespräche führen, dass ein Verhalten, das als Störung von Dritten wahrgenommen wurde, nicht geht. Also wenn ein Trainer in der Nacht mit einem Spieler chattet und fragt: Hast du Dich schon ausgezogen, liegst du schon im Bett, hast du was an? Das geht gar nicht. Hier ist eine unmittelbare Reaktion des Vereins im Sinne der Trennung des Trainers von seinen Schutzbefohlenen und die Beendigung des Arbeitsverhältnisses nötig. Der genaue Inhalt der Aussagen des Trainers müssen dann auch juristisch bewertet werden. Hier arbeite ich zum einen mit der Fachberatungsstelle pro familia Dietzenbach und zum anderen mit unserer Verbandsjuristin zusammen.

Wenn ein Trainer aber ständig nachts schreibt: Kommst Du zum Training, wie fahren wir dahin? Oder wenn er pro Tag zehn Whatsapp-Nachrichten schreibt, das ist zwar nicht okay, aber es gibt eben Unterschiede in den Inhalten. Hierbei handelt es sich um eine Grenzüberschreitung, weil er die Beziehung zwischen Sportler und Trainer nicht einhält, die aber nicht sexualisiert ist. Da muss man Gespräche führen. Manche Trainer verhalten sich aus einem Mangel an sozialen Beziehungen so, weil sie niemanden haben. Sie haben nur diesen Verein, diese Kinder und versorgen sie wie ihre eigenen. Und dann müssen die Trainer sich über ihre Rolle bewusst werden. Dabei hilft ihnen eine Beratung und ein Gespräch. Sie sind Trainer und sie müssen auch eine bestimmte Distanz zu dem Kind wahren.

"Jede Transparenz hilft"

hr-iNFO: Gibt es mittlerweile mehr Missbrauch im Sport oder reden wir nur häufiger darüber und deswegen ist es präsenter?

Ribler: Da wir als Sportjugend Hessen auch einen deutlichen Anstieg an Präventionsmaßnahmen auf 80 Seminare und Workshops pro Jahr haben, gehe ich davon aus, dass immer mehr Menschen sensibilisiert sind. Auch über die Medien - Stichwort katholische Kirche, und es deshalb auch zu einem Anstieg der Fallzahlen gekommen ist. Ich glaube nicht, dass es schlimmer geworden ist. Ich glaube und hoffe,  dass es eher weniger unentdeckten sexuellen Missbrauch im Sport gibt.

hr-iNFO: Im Sport – besonders etwa beim Geräteturnen – gehören körperliche Hilfestellungen dazu. Wie schnell kann man da als Übungsleiter "abgleiten"?

Zitat
„Hilfestellung ist nicht das Problem. Die Fälle, die zu mir kommen, die passieren nicht durch Hilfestellung, die passieren in anderen Situationen - Übernachtung bei Turnieren, in Umkleideräumen ...“ Zitat von Angelika Ribler
Zitat Ende

Ribler: Es kommt auf die Intention des Trainers an. Ich habe die Situation, dass ich Kindern helfen muss, ich muss sicherstellen, dass sie sich nicht verletzen. Wenn ich unsicher bin, was ich darf und was ich nicht darf und was die Kinder mögen und nicht mögen, dann muss ich mit ihnen sprechen, das ist relativ einfach. Ich muss sagen: 'Liebe Kinder, passt auf, es gibt die und die Übung am Schwebebalken. Oder wenn ihr einen Salto gesprungen seid, ich muss gucken, dass ihr da heil ankommt und dazu brauche ich den und den Griff, und es kann sein, wenn ihr mir sozusagen aus der Hand rutscht, dass ich an eure Brüste komme. Das will ich nicht, das tut mir sehr leid. Wenn es jemanden gibt von euch, der das nicht möchte, dass das passieren kann, der muss mir das sagen, dann müssen wir irgendwie eine andere Übung finden, dann kann ich da nicht helfen.'

Und das Zweite ist, ich muss das auch den Eltern gegenüber ansprechen. Jede Transparenz hilft, dass es nicht zu falschen Beobachtungen kommt oder auch vielleicht dann zu falschen Beschuldigungen. Aber noch einen Satz: Hilfestellung ist nicht das Problem. Die Fälle, die zu mir kommen, die passieren nicht durch Hilfestellung, die passieren in anderen Situationen - Übernachtung bei Turnieren, in Umkleideräumen und so weiter, also das hat andere Vorzeichen.

Weitere Informationen

Das Interview führte Martina Knief.

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