Eine Kirchturmspitze im Gegenlicht vor wolkenverhangenem Himmel.

Erhalten Betroffene sexuellen Missbrauchs durch Vertreter der katholischen Kirche künftig eine finanzielle Entschädigung? Darum geht es bei der Bischofskonferenz in Fulda. Während die Bischöfe diskutieren, geht vielen Opfern die Kraft aus.

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Zum Artikel Spiel auf Zeit? Missbrauchsopfer streiten mit katholischer Kirche

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"Ich will und muss zur Ruhe kommen." Sieben Wörter, in der Textnachricht eines Betroffenen, mit dem wir Kontakt hatten im Rahmen unserer hr-iNFO-Recherchen zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. Sieben Wörter, beispielhaft für das Gefühl vieler Opfer, einen am Ende hoffnungslosen Kampf zu führen. Einen Kampf für Aufarbeitung und für eine finanzielle Entschädigung, der am Ende nur neues Leid bringt. "Was nutzt es heute noch?", so ein anderer Auszug aus einer Mail, der eine ähnliche Ohnmacht ausdrückt. Auch Kai Moritz hat dieses Gefühl der Ohnmacht kennengelernt.

Moritz wurde sexuell missbraucht, durch einen katholischen Priester in Mittelhessen. Rund 30 Jahre ist das inzwischen her. Vor zwei Jahren ist er an die Öffentlichkeit gegangen. Ein Schritt, den nur wenige wagen, aber für Moritz entscheidend, um das Geschehene aufzuarbeiten. Und er war erfolgreich: Das Bistum Limburg leitete eine Untersuchung ein und räumte am Ende nicht nur den Missbrauch durch den Priester ein, es gab auch zu, die Tat anschließend jahrelang vertuscht zu haben.  

Nicht als Opfer stigmatisieren

Moritz wurde zum Vorbild für andere Betroffene. Im Interview mit dem Hessischen Rundfunk hat Moritz aber auch deutlich gemacht, welche Kraftanstrengung ein solcher Schritt bedeutet: "Es ist wichtig, vorsichtig mit sich selbst zu sein als Betroffener. Ich spreche ja selbst eher von 'Überlebender' als von 'Opfer'."

"Überlebender" – der Begriff deutet an, was der Missbrauch für viele Opfer mit sich bringt. Einen existenziellen Einschnitt, eine lebenslange Verwundung, die immer spürbar ist. Vielleicht mal mehr oder weniger, aber immer da. Und zum Teil auch sehr schmerzhaft, bis hin zu massiven körperlichen Folgen.

Das Leben wurde vergiftet 

Auch Matthias Katsch kommt schnell auf den Begriff "Wunde", wenn er die Belastung der Betroffenen beschreiben soll. Katsch ist als Jugendlicher selbst Opfer eines Priesters geworden, der ihn sexuell missbraucht hat. Heute setzt er sich als Sprecher des Vereins "Eckiger Tisch" für die Interessen Betroffener ein.

"Stellen Sie sich vor, sie haben eine tiefe Wunde. Weil niemand diese Wunde sachgerecht behandelt hat, haben sie es mit ihren eigenen Bordmitteln irgendwie geschafft, dass diese Wunde sich verkapselt. Aber unter dieser Verkapselung ist die Wunde weiter geeitert, hat ihr Leben vergiftet", versucht Katsch zu beschreiben. "Sie sind psychisch krank geworden, sie waren beeinträchtigt bei ihrer Arbeit, in ihrem Liebesleben, in ihrer Beziehungsfähigkeit. Und dann kommt der Moment, in dem das aufgerissen wird. Das ist erstmal schmerhaft."

Höhere Entschädigung gefordert

Eine lebenslange Verletzung, die in alle Lebensbereiche ausstrahlt: Das ist für Katsch auch der Grund, weshalb er die von der Kirche angebotene Summe von bis zu 50.000 Euro pro Opfer für zu wenig hält. Für angemessen hält Katsch eher eine Summe von 300.000 Euro. Dieser Betrag ergibt sich für ihn aus folgender Rechnung: 500 Euro pro Monat über einen Zeitraum von 50 Jahren. Das berücksichtige nicht nur die lebenslange Dimension der Missbrauchsfolgen, sondern auch die Tatsache, dass auf viele Missbrauchstaten die systematische Vertuschung durch die Institution erfolgt sei. 

Bislang zahlt die Kirche Missbrauchsopfern im Durchschnitt rund 5.000 Euro als "Anerkennung des Leids". In den drei Bistümern Limburg (Durchschnitt: 4.800 Euro), Fulda (Durchschnitt: 3.650 Euro) und Mainz (Durchschnitt: 3.760 Euro) liegen die bezahlten Summen noch etwas darunter. Allerdings verweisen die Bistümer darauf, dass die Höhe der Zahlungen von der Zentralen Koordinierungsstelle in Bonn empfohlen werden.

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Zum Artikel Sexueller Missbrauch – Die Kirche, das Geld, die Politik

Symbolbild: Ein Kreuz liegt auf einer offenen Buchseite, auf der das Wort "Missbrauch" hervorgehoben ist.
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Ein Spiel auf Zeit?

Die Entschädigungshöhe ist ein Streitpunkt, ein anderer ist die Frage, wie leicht und unbürokratisch Betroffene das Geld bekommen. Wichtig sei aber vor allem eine schnelle Lösung, fordert Matthias Katsch. Denn das ständige Weiterdiskutieren bedeute eine "Zerreißprobe" für die Betroffenen, denen immer häufiger die Kraft ausgehe: "Betroffene, die sich jahrelang auseinandersetzen, resignieren und sagen es hat keinen Sinn, ich komme hier nicht weiter. Sie kapseln sich wieder ab und versuchen, sich dieser erneuten Verletzung zu entziehen." Er hoffe, dass die Kirche die Lage der Opfer nicht "vorsätzlich" auszunutzen versucht.

Der Theologe und Kirchenrechtler Norbert Lüdecke fürchtet im Interview mit hr-iNFO allerdings genau das: dass die Kirche auf Zeit spielt. Und Lüdecke macht als Motiv entweder "kaltes Kalkül oder sträfliche Fahrlässigkeit" aus. "Wer wissen und handeln wollte, der konnte das seit über 30 Jahren." In Deutschland sei das Wissen um die Missbrauchs-Problematik spätestens seit den 1990er-Jahren im "System Kirche" vorhanden.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.09.2020, 6 bis 9 Uhr

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