Kardinal Woelki

Nächster Akt im Kölner Drama: Am Donnerstag soll ein neues Gutachten zum Umgang des Bistums mit Missbrauchsvorwürfen vorgestellt werden, nachdem das erste zurückgezogen wurde. Betroffene fordern, dass die Aufarbeitung nicht länger nur Sache der Kirche sein darf.

Ich soll ihn bitte so vorstellen: Mann, 66 Jahre alt, lebt heute in Frankfurt. Seine Missbrauchs-Geschichte: Ein Priester hat sich in den 60er-Jahren mehrfach an ihm vergangen. In einer Gemeinde im Bistum Fulda. Dem Bistum ist sein Fall seit zehn Jahren bekannt. Seit inzwischen zehn Jahren verfolgt der Mann auch die Aufarbeitung der Kirche insgesamt. So auch die jüngsten Vorgänge in Köln.

"Ich denke, das ist im Grunde genommen nur ein Beispiel unter vielen", sagt er. "Das ist zwar in der Öffentlichkeit recht präsent, aber in allen anderen Bistümern läuft ja auch nicht mehr viel mehr." Mit seiner Missbrauchsgeschichte und seiner Einschätzung zur Aufarbeitung durch die Kirche steht der Mann aus Hessen nicht allein. Viele Missbrauchs- Betroffene sind enttäuscht, frustriert, wütend.  

"Köln ist überall"

Der Fall Köln passt da nur ins Gesamtbild: Wenn es um Täter, um Taten und um Vertuschungen in den Bistümern gehe, würden Betroffene immer wieder an Grenzen stoßen, so Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch": "Köln ist überall, weil dieses Muster in anderen Bistümern ganz ähnlich zu sehen ist - dass man Betroffene beschwichtigt, beruhigt hat, dass man Täter mit Samdhandschuhe angefasst hat. Das ist alles ein Muster, das wir beobachten können."

Entsprechend klar ist auch die Erwartung: Das neue Gutachten muss Folgen haben. Wer Täter gedeckt, Taten vertuscht hat, muss sein Amt verlieren. Aber das Misstrauen ist groß. Auch bei Martin Schmitz. Er hat selbst eine Betroffenen-Selbsthilfe in Rhede in Nordrhein-Westfalen initiiert. Er ist gut vernetzt, hat mit vielen über die Kölner Vorgänge gesprochen.

Sein Eindruck: Köln zeige, dass im Ernstfall die Belange der Betroffenen nicht zählen. So seien bei dem Hin und Her in Sachen Gutachten sogar die Betroffenen-Vertreter im Erzbistum weder beteiligt noch ausreichend informiert worden. "Das ist das, was alle Betroffenen eindeutig sagen: Es ist ein Vorgehen gewesen, das die Betroffenen erneut tief verletzt und verwundet", so Schmitz.

Betroffene fordern unabhängige Aufklärung

Aber die Kirche insgesamt tue sich Umgang mit Betroffenen schwer, meint er. Schmitz verweist dabei auch auf ein großes Projekt zur Aufarbeitung im Bistum Limburg, an dem er beteiligt war. Limburg gilt als Vorreiter in Sachen Missbrauchs-Aufarbeitung. Aber: Als er als "Auswärtiger" Kontakt zu Opfern im Bistum gesucht habe, hätten ihn die Verantwortlichen nicht unterstützt.

Schmitz vermutet dahinter Absicht. Die Kirche wolle die Kontrolle behalten. "Wenn Betroffene sich zusammenschließen, dann gewinnen die Betroffenen an Position, an Macht. Und das ist das, was der katholischen Kirche zumindest meiner Einschätzung nach nicht gefällt."

Eine Folge: Vor kurzem haben sich mehrere Betroffenen-Initiativen zu einem Netzwerk verbündet. Eine Forderung: Die Aufarbeitung des Themas Missbrauch darf nicht länger nur Sache der Kirche sein. Die Politik müsse helfen, so Matthias Katsch: "Wir brauchen unabhängige Aufarbeitung, das sehen wir ja jetzt an diesem Gutachten-Wirrwarr in Köln. Und da ist die Institution gefordert, die unseren zivilen Staat repräsentiert. Das ist das Parlament."

Die Politik müsse in Sachen Missbrauchsaufklärung in der Katholischen Kirche von der Zuschauertribüne aufs Spielfeld, so Katsch. Das zeige der Fall Köln deutlich.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 18.3.2021, 6 bis 9 Uhr

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