Eine Schere mit der Beschriftung arm, reich vor Euro-Scheinen
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Noch nie seien so viele Menschen in Arbeit gewesen, heißt es aus der Politik. Und doch haben immer mehr Menschen Angst um ihre Zukunft und davor, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. Wie kommt dieser Widerspruch zustande?

Früher war der Werdegang der Mittelschicht: Schulabschluss, Ausbildung oder Studium -  und danach in den gut bezahlten Job. Heute sorgen prekäre Arbeitsverhältnisse wie befristete Anstellungen dafür, dass schon junge Menschen unsicher in die Zukunft blicken. Dudschahni Gohlab etwa ist 23 und gerade fertig mit ihrem Studium zur Bauingenieurin.

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Obwohl sie noch so jung und noch nicht richtig ins Berufsleben eingestiegen ist, hat auch sie schon Angst vor dem sozialen Abstieg. "Man sieht die Entwicklung. Es ist immer schwieriger, eine Wohnung zu finden. Es ist schwieriger, eine Wohnung innerhalb eines Gebiets zu finden, was einem gefällt, nah an der Arbeit oder auch da, wo man gerne leben möchte. Ich habe jetzt schon Probleme damit. Und tatsächlich ist es so: Ich hab noch gar nicht richtig angefangen zu arbeiten und ich habe jetzt schon Angst." Angst, abzurutschen in die Armut und sich nicht den Lebensstil leisten zu können, den man sich vorstellt.

Armutsquote seit 1990 konstant

Heute gilt in Deutschland als arm, wer weniger als 1.064 Euro netto im Monat hat. Das ist die offizielle Armutsgrenze. Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Universität in Marburg, sagt, seit 1990 ist die Armutsquote in Deutschland konstant – also der Anteil an Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen müssen.

Während also die Armutsquote konstant bleibt, ist die Armutsgrenze gestiegen. Das bedeutet, dass wir immer mehr Leute als arm klassifizieren, weil man immer schneller als arm gilt, sagt Schröder. Es sei wichtig, "dass wir diese ansteigenden Ansprüche haben, dass wir sagen: Auch jemand, der 1.050 Euro hat, der ist arm. Aber wir machen uns eben oft nicht klar, dass die Ansprüche auch immer mehr steigen." Selbst Leute, die als arm gelten, hätten also mehr Geld zur Verfügung als früher, sagt Schröder. Das kommt daher, weil das durchschnittliche Einkommen der Deutschen in den vergangenen Jahren insgesamt gestiegen ist.

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Und stellt man den Deutschen die Frage, ob sie mit ihrem Einkommen zufrieden sind, antworten neun von zehn Befragten, dass sie nicht unzufrieden damit sind. Wenn man aber dieselben Leute fragt, ob die sozialen Unterschiede im Land gerecht sind, sagen zwei Drittel, dass es nicht so ist. Das sei interessant, sagt Schröder: "Denn die meisten Menschen halten ihr eigenes Leben für die positive Ausnahme und glauben, allen anderen würde es sehr viel schlechter gehen."

Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft bestätigt, dass der Abstieg aus der Mittelschicht kein Massenphänomen in Deutschland ist. In den vergangenen zwanzig Jahren sind nur zwei bis drei Prozent der Mittelschicht in die Einkommensarmut abgerutscht.

"Gutverdienende tragen weniger zur Gesellschaft bei"

Ist es also lediglich ein Gefühl, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer und die Mittelschicht immer stärker belastet wird? Nein, sagt der Soziologe Schröder. Denn vor 30 Jahren lag der Spitzensteuersatz noch bei 56 Prozent. Heute liegt er bei 42 Prozent, mit der sogenannten Reichensteuer bei 45 Prozent. Da könne man "völlig zu Recht das Gefühl haben, dass gerade die Gutverdienenden heute weniger zur Gesellschaft beitragen, als sie es damals getan haben. Obwohl gleichzeitig ihre Einkommen überdurchschnittlich angestiegen sind.“

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So entsteht ein Ungleichgewicht - und auch die Angst der Mittelschicht, sich finanziell zu verschlechtern. Hier ist der politische Wille gefragt. Denn die Verringerung des Steuersatzes vor dreißig Jahren war eine bewusste Entscheidung, die sich wieder rückgängig machen ließe.

Sendung: hr-iNFO, 2.4.2019, 6:10 Uhr

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