Ultraorthodoxe protestieren in Jerusalem gegen ihre Einberufung in die Armee.
Ultraorthodoxe protestieren in Jerusalem gegen ihre Einberufung in die Armee. Bild © picture-alliance/dpa

Die Kluft in Israel zwischen säkularen und strengreligiösen Israelis wächst. Welche Richtung wird die Gesellschaft nehmen?

Männer in schwarz-schweißer Kleidung blockieren eine Straße in Jerusalem. Die Polizei räumt. Es kommt zu Rangeleien. Wasserwerfer werden eingesetzt. Hintergrund der Proteste der Strengreligiösen Juden: Der Streit darüber, ob auch ultra-orthodoxe Juden ihrem Land an der Waffe dienen sollen. Die Frage spaltet Israel seit Jahren und kann auch stellvertretend für die innergesellschaftliche Kluft zwischen der säkularen Mehrheit und der strengreligiösen Minderheit stehen. Yoelish Krois ist Vorsitzender einer radikalen ultra-orthodoxen Gemeinschaft im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim. Für Krois steht fest, dass der Wehrdienst dazu führt, dass die jungen strengreligiösen Männer die Bindung zu ihrem Glauben verlieren. „Langsam aber sicher, nach ein paar Monaten, sind die Schläfenlocken nicht mehr so wie vorher. Sie sind kürzer und die Kippa wird kleiner. Ich bin der Meinung, dass es keine Haredim im Militär gibt. Wer zur Armee geht ist nach ein paar Monaten bereits säkular", sagt er.

Haredim ist der hebräische Begriff für die Ultraorthodoxen und heißt übersetzt: die Gottesfürchtigen. Viele Strengreligiöse Männer arbeiten nicht, sondern widmen sich nur dem Studium ihres Glaubens. Vom Wehrdienst waren die Haredim lange überwiegend ausgenommen und das soll so bleiben, auch wenn Israels oberster Gerichtshof entschieden hat, dass eine bisherige Ausnahmeregelung rechtswidrig ist. Zu den israelischen Politikern, die auch die Haredim in der Armee sehen wollen und damit für die Mehrheit der Bevölkerung stehen, gehört der Oppositionspolitiker Yair Lapid, der schon vor Jahren erklärte: „Wir können nicht länger zigtausende von Thora-Studenten ernähren, die keinen Wehrdienst leisten und nicht auf dem Arbeitsmarkt sind. Ich bin nicht anti-religiös und meine Forderung ist es auch nicht. Wir können Euch einfach nicht mehr bezahlen und wir können dem Staat nicht alleine dienen.“

Streng-religiöse und säkulare Juden spalten die Gesellschaft

Ungeachtet des Wiederstands ihrer religiösen Führer und der zwei ultra-orthodoxen Parteien in der israelischen Regierung entscheiden sich immer mehr junge Strengreligiöse für den Dienst an der Waffe – in speziellen Einheiten der Armee. Der Journalist und Experte für Religionsfragen, Shahar Ilan, sieht eine Erosion innerhalb der Haredim. Der Streit um die Wehrpflicht erinnert ihn daran, wie führende Ultra-Orthodoxe einst gegen Smartphones kämpften. „Je lauter sie schrien und je mehr Smartphones sie zerstörten, desto deutlicher wurde, dass sie nichts ausrichten konnten. Es ist eine Revolution zu beobachten. Wir wissen zwar noch nicht, welche Richtung sie genau nehmen wird, aber die ultraorthodoxe Gesellschaft zerbröckelt langsam", sagt er.

Gleichzeitig versuchen die ultra-orthodoxen Parteien immer mehr Einfluss auf die Umsetzung religiöser Regeln im Alltag der säkularen Israelis zu nehmen. Mal geht es darum, dass am jüdischen Shabatt-Feiertag keine Geschäfte geöffnet sein sollen und mal darum, dass dann auch keine Züge repariert werden dürfen. Den Staat Israel erkennen viele Haredim unterdessen gar nicht an. Auch Yoelish Krois nicht. Er ist ein Vertreter des sogenannten radikalen Antizionismus. „Laut der Thora darf das Volk Israel keine Regierung haben bis der Messias kommt“, sagt Krois und er ergänzt, dass es auch keinen Staat geben darf. 

Ultra-orthodoxe Paare haben im Schnitt sieben Kinder. War der Anteil der Gottesfürchtigen bei der israelischen Staatsgründung vor 70 Jahren noch verschwindend gering, liegt er nun bei 13 Prozent.  Konflikte zwischen den streng-religiösen und den säkularen Juden werden Israels Gesellschaft wohl auch in Zukunft spalten.

Sendung: hr-iNFO, 11.05.2018, 06.10 Uhr

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