Ammoniumnitrat - ein weißes Granulat

Die libanesische Hauptstadt Beirut ist am gestrigen frühen Abend von einer gewaltigen Explosion erschüttert worden. Im Hafen war nach ersten Vermutungen eine große Menge des Stoffes Ammoniumnitrat in die Luft gegangen. Aber was ist Ammoniumnitrat überhaupt für ein Stoff?

Es ist eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Libanon. Die Explosion im Hafen von Beirut war so gewaltig, dass die Detonation noch im 240 Kilometer entfernten Nikosia, der Hauptstadt des Inselstaates Zypern, zu hören war. Die Schäden in Beirut selbst sind gewaltig. Und zumindest derzeit gehen die allermeisten davon aus, dass die Explosion durch fast 2800 Tonnen Ammoniumnitrat ausgelöst worden sein könnte.

Der Stoff soll von einem Frachtschiff stammen, dem libanesische Behörden 2013 wegen verschiedener Mängel die Weiterfahrt untersagt hatten. Das Schiff war damals von Georgien nach Masambik unterwegs. Nachdem es die Crew aufgegeben hatte, wurde die gefährliche Ladung in einem Lagerhaus am Hafen untergebracht. Dort wurde es offenbar jahrelang ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen gelagert. Dabei ist Ammoniumnitrat leicht entzündlich.

Unterschiedlichste Verwendungszwecke

Die chemische Formel für diesen Stoff lautet NH4NO3. Das Salz entsteht durch die Neutralisation von Ammoniak mit Salpetersäure. Ammoniumnitrat bildet farblose Kristalle, die bei 169,6 Grad Celsius schmelzen. Möglicherweise hat auch die Hitze in Beirut zu der Explosion beigetragen. Denn bei höheren Temperaturen kann es detonieren.

Die Substanz dient einigen sehr unterschiedlichen Zwecken. Es kann zum Beispiel ein Raketenantrieb sein oder auch für Sprengstoffe genutzt werden. Auch als Treibmittel für Airbags in Autos wurde Ammoniumnitrat früher verwendet. Es erwies sich allerdings als nicht stabil genug, vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit und Umgebungstemperatur und wurde durch andere Treibmittel ersetzt. Der Stoff ist aber vor allem Hauptbestandteil vieler Düngemittel. Das ist der Hauptverwendungszweck.

Mehrere Unglücke

In der Vergangenheit kam es vielerorts zu ähnlichen Unglücken durch Ammoniumnitrat wie jetzt offenbar auch in Beirut. Eine der verheerendsten Katastrophen war die Explosion bei der Chemiefirma BASF in Ludwigshafen im September 1921. Rund 400 Tonnen des Düngemittels waren damals in die Luft geflogen. 559 Menschen wurden getötet, fast 2000 verletzt und ein Großteil der Fabrik war komplett zerstört worden. Die Explosion war damals angeblich bis nach München zu hören gewesen.

Ein weiteres Unglück geschah in den USA, im April 1947. Im Hafen von Texas City waren zwei mit Ammoniumnitrat beladene Frachter explodiert. Die Folge: 600 Tote, 8000 Verletzte und 65 Millionen Dollar Sachschaden. Nur wenige Monate später ein ähnliches Schiffsunglück im französischen Brest, auch hier Tote und Verletzte. Ebenfalls in Frankreich, in Toulouse, gab 2001 es eine Explosion in einer Düngemittelfabrik. 31 Menschen sind hier ums Leben gekommen, der Sachschaden war ebenfalls riesig.

2004 kam es im nordkoreanischen Ryongchon zur Explosion eines mit Ammoniumnitrat beladenen Zugwaggons, bei der mindestens 161 Menschen starben, rund 1300 verletzt wurden und 8000 Häuser zerstört oder beschädigt worden waren. Und im August 2015 wurden bei einer Explosion im chinesischen Tianjin hunderte Menschen getötet bzw. verletzt. Hier sollen 800 Tonnen Ammoniumnitrat gelagert worden sein. Genaueres ist bis heute nicht bekannt. Und nun Beirut, im Libanon. Eine Katastrophe die das gesamte Land in einem Schockzustand zurücklässt.

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 5.8.20, 6 - 9 Uhr

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