Mitarbeiter der Pflege in Schutzkleidung behandeln einen Patienten mit Corona-Infektion auf der Intensivstation Universitätsklinikums Essen.  (dpa)

Aktuelle Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem sozialen Status und dem Risiko, an Covid-19 zu erkranken – und auch daran zu sterben.

Wissenschaftler vom Robert Koch-Institut haben die Corona-Meldungen der örtlichen Gesundheitsämter über eine Deutschlandkarte gelegt, die sozio-ökonomische Unterschiede ausweist. Sie zeigt die Städte und Landkreise, in denen die Privilegierten wohnen und wo es die hin verschlägt, die eher als arm gelten, ohne Arbeit und ohne hohe Bildung: also die Unterprivilegierten. Und es zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der wirtschaftlich-sozialen Situation der Menschen und dem Risiko, sich zu anzustecken.

"Bedeutsame Zusammenhänge"

Harald Rau sieht sich durch die RKI-Studie aus dem März bestätigt. Er ist der Gesundheits- und Sozialdezernent der Stadt Köln. Auch er hat in seiner Stadt auswerten lassen, ob Armut und Corona-Risiko zusammenhängen. Und es hat sich gezeigt, "dass auch bei uns ein Zusammenhang besteht, beispielsweise beim Mietindex. Wer sich mehr Miete leisten kann, hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, möglicherweise zu versterben. Und wer schwächer ist, ist mehr gefährdet, das sind schon Zusammenhänge, die bedeutsam sind." 

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In einer Pressekonferenz informierte er zusammen mit Stefan Rüping vom Fraunhofer-Institut IAIS über die Auswertung der anonymisierten Daten des Kölner Gesundheitsamtes. Rüping hatte mit seinem Datenteam herausgefunden, dass es in Köln ein sehr deutliches sozio-geographisches Muster gibt. Man sehe es auf den ersten Blick in den Grafiken und sie hätten auch statistisch belegt, "dass es da eine klare geographische Änderung gibt. Am Anfang in der Frühphase des Infektionsgeschehens hatten wir das Infektionsgeschehen eher links-rheinisch. Und mit der Zeit hat sich das dann ganz deutlich in den rechts-rheinischen Bereich gewandelt."

Sterblichkeit in stark benachteiligten Regionen deutlich höher

Zunächst ist Corona stärker in den wohlhabenden Stadtteilen aufgetreten, dann erst traf es die Ärmeren: Köln zeigt in einer Nussschale, was nach der RKI-Studie für ganz Deutschland gilt. Für die anfängliche Dynamik in der zweiten Welle sorgten demnach die Privilegierten - mit hoher Mobilität, überregionalen Geschäftsbeziehungen und Urlaubsreisen. In der Hochinzidenzphase um den Jahreswechsel allerdings verlagerte sich das Infektionsgeschehen auf Menschen in den benachteiligten Regionen. 

Das RKI hat noch eine zweite Studie erstellt, die die Todesfälle in der zweiten Infektionswelle im Herbst und Winter abbildet und dabei die sozialen Unterschiede analysiert: "Sie sehen bei beiden Geschlechtern, die in der hohen Deprivation sind, also ziemlich stark unterdrückt sind, im Leben irgendwie eingeschränkt, dass die eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit haben zu versterben, als die, die gering depriviert sind", so Rüping.

Das Ergebnis: Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit bei Frauen und Männern in sozial stark benachteiligten Regionen um 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung. Bislang sprechen die Wissenschaftler nur von einem Zusammenhang der Daten. Ob die Deprivation, also die Schlechterstellung in unserer Gesellschaft, tatsächlich die Ursache für ein höheres Corona-Risiko ist, ist in Deutschland noch nicht ausreichend erforscht. 

Weiterer Forschungsbedarf

Liegt es an beengten Wohnverhältnissen, an gesundheitlichen Risiken wie Rauchen oder Übergewicht, die in sozial-schwachen Schichten häufiger vorkommen? An mangelnder Aufklärung oder fehlenden Testzentren? In Großbritannien und den USA gibt es mehr Daten dazu und deshalb auch mehr Studien, darauf weisen Wissenschaftler und Ärzte in Deutschland immer wieder hin. Auf weitere Studien wird Gesundheitsdezernent Harald Rau in Köln nicht warten. Er hat angekündigt, die Präventionsmaßnahmen und die Testangebote rechts-rheinisch zu verstärken. 

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 23.4.2021, 6 bis 9 Uhr

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