Plenarsaal im Bundestag

Eine Rekordzahl von 735 Abgeordneten muss ab diesem Dienstag im Bundestag Platz finden. Als wäre das nicht schon kompliziert genug, gibt's auch noch Streit um die Sitzordnung: Die FDP will nicht mehr neben der AfD sitzen, doch CDU und CSU wehren sich, nach rechts zu rücken. Unbequem könnte es für die Union im neuen Bundestag aber nicht nur wegen der Sitzordnung werden.

Wer wissen will, warum die verschiedenen Fraktionen im Bundestag sitzen, wo sie sitzen, der muss in die Vergangenheit reisen - genauer gesagt ins frühe 19. Jahrhundert in Frankreich. Nach der französischen Revolution haben sich in der Nationalversammlung, die damals noch Deputiertenkammer hieß, nämlich Adel, Kirchenleute und Vertreter der alten Ordnung rechts vom Parlamentspräsidenten positioniert. Nach biblischer Deutung war das der Ehrenplatz. Bürgerinnen und Bürger sowie Revolutionäre saßen dagegen auf der linken Seite. Diese Ordnung hat sich auf den Deutschen Bundestag übertragen.

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Blick auf das geflaggte Reichstagsgebäude: Mit seiner konstituierenden Sitzung nimmt der neu gewählte Bundestag nun seine Arbeit auf. (dpa)
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Linke unterstützt FDP

Als die AfD 2017 zum ersten Mal ins Parlament einzog, nahmen die Abgeordneten also ganz rechts Platz, direkt neben der FDP. Die war damals schon wenig begeistert. "Unserer Meinung nach gehören die Freien Demokraten in die Mitte des Parlaments, das spiegelt unsere politische Positionierung wider", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Marco Buschmann. Doch diese Argumentation half der FDP nicht: Im Bundestag fand sich damals keine Mehrheit für einen Platztausch. Es folgten vier Jahre, in denen die Liberalen nach eigener Aussage von den Nachbarn der AfD ziemlich viel ertragen mussten: Pöbeleien, Zwischenrufe und andere Geschmacklosigkeiten, sagen sie – nun soll damit wirklich Schluss sein.

Unterstützung für einen möglichen Platztausch bekam die FDP bereits von der Linksfraktion. Das überrascht nicht, schließlich dürfte es beiden Parteien am Ende auch darum gehen, die geschwächte Union von der Mitte des Parlaments an den Rand zu schieben, sagt auch die Politikwissenschaftlerin Professor Sabine Kropp von der Freien Universität Berlin: "Die CDU wird auch im deutschen Bundestag ihre Oppositionsrolle erst einmal suchen müssen zwischen AfD und Linkspartei."

Es könnte unbequem werden für die Union

Die Union wehrt sich natürlich mit Händen und Füßen dagegen, den Platz mit der FDP im Bundestag zu tauschen. Vorerst muss sie das auch nicht, denn der Vorältestenrat hat vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags festgelegt, dass erst mal alle dort sitzen bleiben, wo sie sind. Doch auch unabhängig vom Sitzplatz könnte es für die Union im Bundestag unbequem werden, prophezeit Sabine Kropp: "Auf der einen Seite wird sie sich von der Rhetorik und den programmatischen Positionen der AfD abgrenzen müssen und man kann vielleicht auch erwarten, dass die AfD versuchen wird, durch Anträge, denen einzelne CDU-Abgeordnete programmatisch zustimmen können, die CDU in der Opposition vor sich herzutreiben."

In der Diskussion um die Sitzordnung im Bundestag will die AfD jedenfalls nicht das hässliche Entlein spielen. Sie wirft den Liberalen vor, sie seien schlechte Demokraten, weil sie nicht neben Abgeordneten sitzen wollten, die von Millionen Menschen gewählt wurden.

Auf SPD und Grüne kommt's an

Am Ende kommt es wohl auf SPD und Grüne an: Stimmen sie mit der FDP für einen Platztausch, säße eine mögliche Ampel-Koalition prominent als großer Block in der Mitte des Parlaments – gut sichtbar für alle Fernsehkameras. Doch das Thema scheint zumindest vorerst keine Priorität zu haben: Auf Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios teilte die FDP-Fraktion mit, man wolle das Thema Sitzordnung erst mal nicht weiter forcieren; die Koalitionsgespräche seien wichtiger. Gut möglich aber, dass sich das im neuen Jahr ändert und sich Union und AfD im Bundestag näherkommen, als CDU und CSU lieb ist.

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