Organspende

Gesundheitsminister Spahn hat den fraktionsübergreifenden Entwurf für eine Widerspruchslösung präsentiert. Ein anderer Vorschlag setzt auf aktive Zustimmung. Wie soll die Organspende künftig geregelt werden? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Ansicht.

Pro Widerspruchsregelung

Von Horst Kläuser

Endlich! Die Widerspruchslösung ist zum Greifen nah. CDU und SPD scheinen dabei zu sein, ein Problem zu lösen, das buchstäblich 10.000 Menschen in unserem Land täglich um ihr Leben bangen lässt. Natürlich konnte, wer wollte, auch heute schon sagen: 'Ja, ich gebe meine Organe her, wenn ich sterbe, damit ein anderer Mensch leben kann'.

Doch wo ist der Spenderausweis, wenn's soweit ist? Und den trauernden Partner, die Kinder, die Eltern vor der Intensivstation belästigen? Nein, das ist den Angehörigen gegenüber genauso unbarmherzig wie es grausam ist, ein gesundes, brauchbares Organ einfach zu beerdigen oder im Krematorium zu verbrennen.

In 20 von 28 EU-Staaten funktioniert es

Niemand muss in Deutschland fürchten, bei lebendigem Leibe oder halbtot ausgeschlachtet zu werden, damit ein reicher Säufer eine neue Leber oder ein Kettenraucher eine neue Lunge bekommt. Dafür haben wir wirksame Gesetze. Und die werden jetzt ergänzt durch die unbürokratische Möglichkeit, Nein sagen zu können. Man teilt einfach mit: Ich will kein Organ spenden – und gut ist. Ich finde, jedem mündigen Deutschen kann man nach dreimaliger schriftlicher und persönlicher Info zumuten, sich damit zu beschäftigen. In 20 von 28 EU-Staaten gibt es das schon – und es funktioniert.

Nein zu sagen ist übrigens kein Makel, sondern ein Bürgerrecht. Ich empfinde es aber durchaus als moralische Pflicht meinen Mitmenschen gegenüber, darüber nachzudenken, ob mein Tod irgendwann einem oder mehreren Menschen zu gesundem Leben verhelfen kann. Und das ist schon ein Trost zu Lebzeiten!

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Zwei Entwürfe: doppelte Widerspruchslösung versus aktive Zustimmung

Bei der von Gesundheitsminister Spahn präsentierten doppelten Widerspruchslösung gilt jeder nach seinem Tod automatisch als Organspender. Wer das ablehnt, muss sich in ein Register eintragen. Auch Angehörige sollen noch im Sinne des Verstorbenen widersprechen können. Der Gegenvorschlag der Grünen-Chefin Annalena Baerbock und neun weiterer Abgeordneter fast aller Parteien sieht eine aktive Zustimmung vor: Organspender wird nur, wer zugestimmt hat. Wichtig sei aber, dass jeder gefragt wird. Den Passämtern soll dabei eine zentrale Rolle zukommen. Sie könnten die Bürger zum Eintrag in das Online-Register auffordern, heißt es in dem Eckpunktepapier.

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Pro aktive Zustimmung

Von Claudia Plaß

Organspende ist eine freiwillige Angelegenheit und das muss sie auch bleiben. Ja, die Auseinandersetzung mit der Organspende ist wichtig, und ja, es ist schlimm, dass so viele Menschen zum Teil Jahre auf ein Spenderorgan warten. Aber das darf kein Grund für den Staat sein, die Bürger zu verpflichten, sich zu erklären – mit dem Automatismus: Wer nicht widerspricht, wird zum Spender.

Nein, Organspende ist meine Sache, und ich erwarte, dass der Staat das Selbstbestimmungsrecht seiner Bürger achtet. Immer wieder heißt es: Ein Großteil der Bevölkerung bekennt sich zwar in Umfragen dazu, dass Organspende ein wichtiges Thema sei. Aber nur wenige hätten diesen Willen in einem Organspende-Ausweis dokumentiert. Diese Lücke müsse geschlossen werden. Richtig so! Aber nicht mit Hilfe der Widerspruchslösung.

Entscheidung zur Nicht-Entscheidung sollte akzeptiert werden

Übrigens sind die niedrigen Organspendezahlen auch auf organisatorische Mängel in den Krankenhäusern zurückzuführen. Gerade heute tritt ein Gesetz in Kraft, das das ändern soll – unter anderem wird die Arbeit der Transplantationsbeauftragten gestärkt. Ein guter Schritt. Um weiterzugehen und die Spendenbereitschaft zu erhöhen, muss nun dafür gesorgt werden, dass mehr Menschen freiwillig spenden.

Ich bin deswegen für den Alternativvorschlag, den ebenfalls eine fraktionsübergreifende Gruppe erarbeitet hat. Jeder Bürger soll regelmäßig und verbindlich befragt werden, ob er zur Organspende bereit ist. Etwa dann, wenn der Personalausweis verlängert werden muss. Oder bei einer ärztlichen Untersuchung. Ja, auch ich würde ein Gespräch mit meiner Hausärztin vorziehen, anstatt haufenweise Informationsmaterial durchzulesen, das in meinem Briefkasten landet. Und ich will, dass möglicherweise auch meine Entscheidung, mich nicht zu entscheiden, akzeptiert wird.

Sendung: hr-iNFO, 1.4.2019, 16:30 Uhr

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