Eine Pflegekraft begleitet eine alte Frau im Pflegeheim
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Kein Beitragssatz ist in den vergangenen Jahren derart explodiert wie der zur Pflegeversicherung. Und die nächste Erhöhung steht schon ins Haus. Das halten Experten aber auch für notwendig.

1995 wurde die Pflegeversicherung eingeführt. Vor mehr als 20 Jahren also. Damals lag der Beitragssatz noch bei einem Prozent vom Gehalt. Mittlerweile sind es zweieinhalb Prozent. Kommt die Beitragserhöhung wie angekündigt, werden es ab kommendem Jahr über drei Prozent sein. Diese Beiträge schultern Arbeitgeber und -nehmer je zur Hälfte.

Die Kosten sind in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, findet Susanna Kochskämper, Expertin für das Thema Pflege beim Institut der deutschen Wirtschaft mit Sitz in Köln. "Seit Einführung  hat sich der Beitragssatz mehr oder weniger verdreifacht. Das wir jetzt in der Rentenversicherung oder der Krankenversicherung so nicht gesehen haben", sagt sie. Dennoch hält Kochskämper diese Beitragserhöhung für angemessen, da dafür auch immer mehr Leistungen angeboten werden.

Mehr Personen werden berücksichtigt

Geld gab es zunächst nur, wenn jemand seine Mutter zu Hause pflegte und dabei Hilfe von einem ambulanten Pflegedienst bekam. Bald floss aber auch Geld für die Pflege in Pflegeheimen. Im Zuge einer Pflegereform wurde neu definiert, wer überhaupt Leistungen aus der Versicherung erhalten kann. "Es werden mehr Personen berücksichtigt, die vorher offiziell nicht als pflegebedürftig galten, im Alltag aber trotzdem Unterstützung brauchten – zum Beispiel Personen mit Demenz", so Kochskämper.

Dadurch ist die Zahl der Leistungsempfänger stark gestiegen. Im vergangenen Jahr waren es 3,3 Millionen Menschen. Eine Entwicklung, die die Pflegekasse strapaziert. Wie das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, dürften in diesem Jahr rund drei Milliarden Euro fehlen. Für Dörte Heger, Pflegeexpertin am Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, ist eine Beitragserhöhung deshalb unumgänglich. "Ein Teil der Beitragserhöhungen wird notwendig sein, um bereits erfolgte Reformen zu finanzieren", so Heger.

Mehr Pflegebedürftige erwartet

Über sieben Milliarden Euro sollen dadurch jedes Jahr zusätzlich in die Pflegekasse fließen. Ausreichen dürfte das langfristig trotzdem nicht, da die Bevölkerung in Deutschland immer älter wird und damit immer mehr Menschen auf Pflege angewiesen sein werden. "Der Anstieg wird sicher noch weitergehen, weil jetzt auch die Baby-Boomer-Generation in das Alter kommt, in dem die Pflegebedürftigkeit stark ansteigt", erklärt Heger.

Bis zum Jahr 2030 soll es vier Millionen Pflegebedürftige geben, knapp eine Millionen mehr als bisher. Deshalb dürften laut Heger weitere Beitragserhöhungen kommen. "Die Pflegeversicherung deckt nicht alle Kosten, die im Pflegefall anfallen, sondern nur einen Teil. Die anderen Kosten muss der Bedürftige oder die Angehörigen selber tragen", ergänzt Kochskämper. Im Schnitt sind das rund 600 Euro im Monat, schätzt der Verband VDK Deutschland. Damit der einzelne nicht immer stärker belastet werde, empfiehlt der Verband deshalb, manche Pflegeleistungen mit Steuermitteln zu finanzieren.

Sendung: hr-iNFO, 09.10.2018, 16.40 Uhr

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