Pfungstadt Ortseingangsschild

Rund 400 Flüchtlinge sind in den vergangenen Jahren nach Pfungstadt gekommen. Wie verändert sich das Gemeindeleben dadurch? Unser Reporter hat sich in der südhessischen Gemeinde erneut umgesehen.

Vor zwei Jahren hat unser Reporterteam angefangen, die südhessische Stadt Pfungstadt regelmäßig zu besuchen, mit der Fragestellung: Wie finden die Stadt, ihre Bürger und die Flüchtlinge zusammen? Was läuft gut und wo gibt es Probleme? Nicht als "Musterbeispiel" war das gedacht, sondern einfach als EIN Beispiel dafür, was viele Städte in Hessen erleben. Diese Woche schauen wir wieder genauer hin und es hat sich wieder einiges verändert in Pfungstadt.

An erster Stelle abzulesen an der Zahl der Flüchtlinge: Vor zwei Jahren lebten in Pfungstadt noch knapp 100 Flüchtlinge, verteilt auf Wohnungen - es war überschaubar. Mittlerweile sind es fast 400 - viermal so viel. Als wir das erste Mal in Pfungstadt waren, ging es um den Bau einer großen Unterkunft für die Flüchtlinge – die ist jetzt fertig. Und inzwischen ist sogar eine weitere Großunterkunft entstanden.

hr-iNFO-Reporter Riccardo Mastrocola war mit städtischen Flüchtlingsbetreuern dort.

"Es gibt ein, zwei Chaoten"

Vor zwei Jahren war die Deutsch-Somalierin Halima Gutale noch die einzige von der Stadt angestellte Flüchtlingsbetreuerin. Jetzt hat sie mehrere Kollegen, einer davon ist Anas Al-Saadi, selbst syrischer Flüchtling, auch seit etwa 2 Jahren in Pfungstadt. Sie sind unterwegs in die neue Unterkunft, die größere von insgesamt zwei in Pfungstadt. Sie wollen Post verteilen und Präsenz zeigen. Wie jeden Tag. Immer zu zweit.

Halima Gutale

"Damit wir sicher sind. Da kann man auch sich gegenseitig bezeugen oder unterstützen, wenn was ist. Eigentlich sind alle friedvoll, aber ein oder zwei Chaoten gibt es und es ist besser, wenn dann jemand dabei ist", sagt Gutale.  

Putzplan erstellen, Hausmeister informieren

120 Menschen wohnen jetzt in einem modernen dreistöckigen Neubau, weiße Fassaden, ein großer Fahrradpark vor der Tür. Nebenan Sportplätze, ein Friedhof, eine Parkanlage, ein Pflegeheim. Eine ruhige Gegend mit wenigen Anwohnern, aber dennoch mitten in der Stadt. Aus den Fenstern ist leise Musik zu hören. Halima Gutale und Anas Al Saadi hasten ins Haus.

Sie wissen, wer hinter welcher Tür wohnt, schieben die Post darunter durch. Ein Syrer und eine Iranerin streiten über den Putzplan. Anas Alsaadi versucht zu schlichten. Ein anderer Bewohner beschwert sich über die kaputte Heizung. Anas Alsaadi und Halima Gutale geben das weiter an den Hausmeister.  

Hausverbot wegen Extremismus

Die beiden kümmern sich an diesem Tag nur um das, was auf die Schnelle zu klären ist. Ein junges Pärchen aus dem Iran will gern in ein Zweierzimmer ziehen, ein Syrer zeigt ein frischerworbenes Online-Diplom vor, und fragt, wie er es nutzen kann. Dann ruft das Rathaus an: Neue Flüchtlinge seien auf dem Weg nach Pfungstadt und müssen aufgenommen werden. In der anderen neuen Pfungstädter Großunterkunft. Die Betreuer machen sich auf, steigen in Gutales Kleinwagen. Aus einem bestimmten Grund ist sie alarmiert.

Riccardo Mastrocola und Halima Gutale

"Der Mehmet ist da. Der hat aber Hausverbot", erklärt sie. Es geht um einen jungen Mann, der schon lange in Deutschland lebt, aber mit der extremistischen Szene in Verbindung gebracht wird. Den Namen haben wir geändert. Der Verfassungsschutz ist informiert, sagt Gutale. Es gibt Probleme, sagt sie, mal eine Streiterei, auch Fälle von Drogenmissbrauch. Deshalb sei es so wichtig, dass sie täglich da sind: "Weil wir hingehen, wenn es sein muss auch am Wochenende, bevor etwas eskaliert. Das ist unsere Stärke."  

Schnupperpraktikum gegen die Angst

Die hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass Ängste und Sorgen im Viertel verflogen sind. Denn bevor die Flüchtlingsunterkunft eröffnet wurde, hatte es Proteste gegeben, Ängste - auch im Pflegeheim gegenüber. Genau vor solchen Geschichten. Dort hat sich die Stimmung gedreht, seit zwei Flüchtlinge im Haus waren, zum Schnupperpraktikum. "Wir müssen aufpassen, dass das so bleibt", sagt Halima Gutale. Aber ihre Arbeit wird nicht leichter, denn die Stadtverordnetenversammlung hat – gegen den Vorschlag des Bürgermeisters – die Zahl der Flüchtlingsbetreuer gekürzt.  

Hier geht es zur Serien-Übersicht: "Pfungstadt: Alltag mit Flüchtlingen".

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