Eine benutzte medizinische Maske liegt vor der Einfahrt zum Bundeskanzleramt. (dpa)

Wie lange sind Genesene immun? Wie groß sollte der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung sein? Und ab welcher Sieben-Tage-Inzidenz ist es verantwortbar zu lockern? Zahlen und Daten spielen in der Corona-Pandemie eine große Rolle. Dabei folgt die Politik aber nicht immer wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Was hat der zeitliche Abstand zwischen zwei Impfdosen mit dem Urlaub zu tun? Offenbar sehr viel. Mit den wiedergewonnenen Freiheitsrechten für vollständig Geimpfte bestehe "natürlich ein wachsender Wunsch danach, nicht nur eine erste Impfung zu erhalten, sondern auch schnellstmöglich eine zweite Impfung zu erhalten", zeigt sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verständnisvoll - und verkürzt, gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern, wider besseren Wissens den Abstand zwischen zwei Spritzen.

Gesundheitsschutz oder Populismus?

Für den Impfstoff von AstraZeneca empfiehlt der Hersteller vier bis zwölf Wochen. Eher für die obere Grenze plädieren wissenschaftliche Studien aus Ländern, die viel AstraZeneca-Dosen verimpft haben. Auch Spahn kennt sie: "Tatsächlich ist die nachgewiesene Wirksamkeit höher, je länger das Intervall ist." Die bessere Wirksamkeit scheint vernachlässigbar, wenn es der Urlaubsfreude dient und ganz nebenbei hilft, den ungeliebten Impfstoff unters Volk zu bringen.

Ist das noch Gesundheitsschutz oder schon Populismus? Am Ende wird die politische Abstands-Regelung den Hausärzten zugeschoben. Sie dürfen sich mit den Dränglern und Unzufriedenen auseinandersetzen, die die Praxen mit Anrufen und Mails überrollen.

Fehlende Studien- und Datenlage

Ein gute Daten- und Studienlage fehlt bei anderen Fragen: Wie lange sind Menschen eigentlich immun, die an Covid-19 erkrankt sind? Und wie lange wirkt die Impfung? "Wir brauchen sehr viel mehr Tests, systematische Tests" fordert FDP-Chef Lindner. Nur durch langfristige und massenhafte Tests und Begleitung lassen sich Anstieg oder Abfall von Antikörper nachweisen.

Und wo oder wobei stecken sich Menschen am häufigsten an?  Die Kanzlerin warnt dann gern vor einem diffusen Geschehen. Aus Datenschutzgründen werden Beruf oder sozialer Kontext von positiv Getesteten nicht gefragt. Beengte Wohn- und Arbeitsverhältnisse lassen die Infektionszahlen steigen, sagt RKI-Chef Wieler, weiß es aber auch nicht genau: "Wir kennen keine Zahlen darüber, wie sich das momentan darstellt auf den Intensivstationen."  

Gut, dass wir mal drüber geredet haben. Ein Pandemie-Jahr musste vergehen, bis mobile Impf-Teams verstärkt in soziale Brennpunkte fahren und ohne umständliche Terminvergabe auf der Straße Impfungen anbieten.

150 ist die neue 50

Die Pandemiezahl des Jahres ist aber die täglich dargebotene Sieben-Tage-Inzidenz: für den eigenen Ort, den Landkreis, das Bundesland, für Deutschland. Warum? Weil wir es immer so gemacht haben, sagt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Und weil eine Zahl einfach besser ist: "Wir hätten kaum eine Steuerungssituation, wenn wir sieben, acht Zahlen übereinanderlegen und eine Art Koeffizient ermitteln wollten. Das kann  man mal probieren, aber derzeit geht das nicht."

Die Inzidenz-Zahl kann auch sehr flexibel gehandhabt werden, weiß Kanzlerin Merkel zu erklären: "Natürlich, wenn man sich die RKI-Empfehlungen ansieht, dann ist größer als 50 schon eine gefährliche Zone." Das hieß lange Zeit "Alarmstufe Rot" in den Gesundheitsämtern. Allerdings änderte sich das im Frühjahr 2021. "Aber wir geben politisch sozusagen einen Spielraum, einen Puffer. Weil wir auf die neuen Testmöglichkeiten vertrauen", so Merkel.

Die brachten den Gesundheitsämtern noch mehr Arbeit. Trotzdem wurde die 150-er Inzidenz die neue 50. Wieso Schulen und Kita bei 165 dichtmachen, war weniger Politik als Basar oder Gefühl. Na, wenigstens eine klare Zahl.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.5.2021, 6 bis 9 Uhr

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