Nachbarschaftshilfe, Einkäufe werden bis zur Tür getragen

Bei allen Ängsten, Einschränkungen und Unsicherheiten, habe die Corona-Krise auch ihr Positives, sagt unsere Autorin Juliane Orth: Wir konzentrieren uns wieder aufs Wesentliche. Kollege Oliver Günther hält das für Krisenromantik.

Pro: Wir konzentrieren uns aufs Wesentliche

Von Juliane Orth

Es ist schon eine irre Zeit, die wir gerade erleben. Situationen, die eben noch völlig undenkbar erschienen, sind plötzlich Realität. Und kaum hat man sich halbwegs daran gewöhnt, wird schon die nächste Stufe gezündet. Auch ich reibe mir mehrfach am Tag die Augen und mühe mich, maximale Flexibilität zu zeigen: Homeoffice, Schule zu Hause, Pläne umwerfen und keine neuen machen. Jetzt heißt es: auf Sicht fahren.

Das ist ungewohnt, aber ich finde, es hat auch sein Positives. Die Welt ist plötzlich wieder klein geworden. Reisen? Vergiss es. Schon der Besuch von Freunden, die nicht direkt um die Ecke wohnen, wird überdacht. Selbst ein an sich unspektakuläres Treffen in der Kneipe ist plötzlich nicht mehr möglich. Schon irre.

Dafür rückt das direkte Umfeld wieder mehr in den Blick. Ich nehme wahr, dass man mehr aufeinander achtet: in der Warteschlange auf dem Markt wird Abstand gehalten – und über diesen Abstand hinweg wird geredet, über Corona natürlich. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die für ihre älteren Nachbarn einkaufen. Damit sie als Risikogruppe zu Hause bleiben können. Freunde, Verwandte und Nachbarn erkundigen sich untereinander nach dem Wohlbefinden und oft enden die Gespräche und Texte mit einem: bleib gesund!

Ich habe den Eindruck, dass wir uns gerade aufs Wesentliche konzentrieren: Gesundheit, gegenseitige Verantwortung, Solidarität. Okay, die gilt nicht für den Kauf von Klopapier und Nudeln. Da üben wir noch. Aber an vielen anderen, viel wichtigeren Stellen ist sie spürbar. Und ich würde mir wünschen, dass das bleibt, wenn Corona irgendwann wieder vorbei ist.

Contra: Stress pur!

Von Oliver Günther

Alles mal ein bisschen langsamer, mehr Zeit für uns und andere, mehr aufeinander achten – jaja, das höre ich im Moment immer wieder. Aber mal ehrlich, so langsam schwillt mir da der Kamm. Meine Frau zum Beispiel hat einen Laden. Die hat erfahren, dass sie ihn jetzt schließen muss. Seitdem wälzt sie Gedanken um Gedanken: Wie lange wird der geschlossen sein? Wie soll sie die Kosten decken? Miete zahlen? Was ist mit dem Lohn ihrer Mitarbeiter?

Die wiederum machen sich seit Tagen wie viele andere eh schon Sorgen ohne Ende. Erst um ihre Gesundheit, jetzt um ihr Einkommen und ihren Job. So geht es derzeit vielen. In Drogeriemärkten müssen Mitarbeiterinnen unter Körpereinsatz einschreiten, wenn wieder mal jemand meint, den Tagesbedarf an Klopapier raffen zu müssen.

Und im Supermarkt wären die Kassiererinnen und Kassierer sicher auch beruhigter, wenn die Kundschaft den empfohlenen Mindestabstand von ein bis zwei Metern auch mal einhalten würden. Ganz zu schweigen von all den Ärzten, Kranken- und Altenpflegern, Kita-Mitarbeitern und, und, und, die derzeit Überstunden ohne Ende machen. Oder den Alten und Kranken, die nicht nur wissen, dass der Virus sie besonders bedroht, sondern die jetzt auch noch auf den Besuch der Kinder und Enkel verzichten müssen.

Und selbst das jetzt in vielen Unternehmen praktizierte Home Office klingt in vielen Fällen doch einfach nur besser als es ist. Kinder und Arbeit, beides in den selben vier Wänden - das lässt sich für viele doch nur noch schwerer vereinbaren als sonst schon.

Nein, mein Eindruck ist: Für die meisten Menschen ist diese Pandemie Stress pur. Mal einen Gang runterschalten - dafür haben die meisten einfach zu viel um die Ohren. Zu viel zu organisieren, machen sich zu viele Sorgen. Gut, ich kann verstehen, wenn man sich die Situation ein bisschen schönredet. Von wegen mehr Zeit haben, sich mehr umeinander kümmern. Krisenromantik sozusagen.

Aber ich wünsche mir möglichst schnell wieder den normalen Alltag zurück. Was werde ich froh sein, wenn ich mich wieder über den ärgern kann. Und rücksichtsvoll miteinander umgehen, sich helfen, sich Zeit füreinander und für sich selbst nehmen: Hey, dazu sollten wir eigentlich auch ohne Virus in der Lage sein!

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