Mehrere Packungen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca liegen in einem Kühlschrank. (dpa)

Die Bundesregierung hat die Impfungen mit AstraZeneca vorübergehend ausgesetzt. Aus gutem Grund? Oder voreilig? Unsere Kommentatoren sind geteilter Meinung.

Pro: Richtig, um Zweifel auszuräumen

von Martin Ganslmeier

Eigentlich hatte Jens Spahn nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Stellen Sie sich vor, Spahn hätte die Empfehlung der Impf-Wissenschaftler im Paul-Ehrlich-Institut ignoriert und gesagt: "Wir impfen weiter!" Wenn dann in den nächsten Tagen weitere AstraZeneca-Geimpfte als Folge einer Thrombose sterben sollten, dann würde doch ein Sturm der Empörung auf Spahn niederprasseln. Der Gesundheitsminister wäre wahrscheinlich sein Amt los, weil er sich aus politischen Gründen über die Empfehlung seiner zuständigen Impfbehörde hinweggesetzt hätte.

Ja, bislang ist völlig offen, ob überhaupt ein Zusammenhang zwischen AstraZeneca und Thrombose besteht. Aber gerade weil das unklar ist, haben immer mehr Länder in Europa das Impfen mit AstraZeneca ausgesetzt, um nochmal genauer zu prüfen. Und um dann hoffentlich zügig und einmütig zu entscheiden, wie es weitergeht. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA will noch in dieser Woche eine Bewertung vorlegen.

So ärgerlich der Impfstopp gerade in der jetzigen Phase ist – er ist richtig, um bestehende Zweifel auszuräumen. Und er bietet auch eine Chance: Wenn anschließend alle europäischen Länder wieder guten Gewissens AstraZeneca impfen können, ist dies für das Vertrauen in den Impfstoff allemal besser als das Durcheinander jetzt. Schlimmer wäre ein dauerhafter Flickenteppich aus Ländern, die weiter AstraZeneca impfen und anderen Ländern, die aussetzen.

Contra: Impfstopp hat gefährliche Nebenwirkungen

von Kai Küstner

Nun liegt der AstraZeneca-Wirkstoff also im Wortsinn auf Eis. Und bleibt vorerst ungenutzt in den Kühlschränken. Selbst wenn damit über das Schicksal des Impfstoffs das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, ob sich die Deutschen je wieder für AstraZeneca werden erwärmen können, ist fraglich. Denn das ist eine der unerfreulichsten Nebenwirkungen der Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn: Er beschert dem Anti-Corona-Wirkstoff vorauseilend einen Imageschaden, der kaum wieder zu reparieren sein dürfte.

Gleichzeitig bedeutet das jäh aufgestellte AstraZeneca-Stoppschild: Die ja ohnehin im Zeitlupentempo verlaufende Impfkampagne wird nun durch ein weiteres Bremsmanöver noch einmal erheblich verlangsamt. Zehntausende Menschen hätten heute, morgen, hätten täglich mit AstraZeneca geimpft werden sollen. Zehntausende Menschen werden diesen – möglicherweise lebensrettenden - Impfschutz zunächst nicht erhalten. Übrigens: Die Europäische Arzneimittelagentur EMA, die für die Zulassung in Europa zuständig ist, steht bisher auch weiterhin zu ihrer Einschätzung, dass der AstraZeneca-Nutzen das AstraZeneca-Risiko aufwiegt.

Ja, es ist natürlich richtig zu prüfen, ob der Impfstoff wirklich in seltenen Einzelfällen für gefährliche Nebenwirkungen verantwortlich ist. Noch richtiger allerdings wäre es gewesen zu prüfen und parallel weiter zu impfen. So aber drosselt die Bundesregierung das Impftempo, erhöht aber womöglich die Zahl der Impfskeptiker im Land. Auch das sind gefährliche Nebenwirkungen.

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Sendung: hr-iNFO, 16.3.2021, 15-18 Uhr

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