Schriftzug vor Bergkette

Ein Mal im Jahr treffen sich die Großen und die Mächtigen der Welt in dem Schweizer Bergort Davos. Ist es ein elitärer Zirkel oder doch eine Chance für zwanglose Diplomatie?

Contra: "Heiße Luft im kalten Bergland – ein Treffen der Elite"

Von Anne Baier

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein Treffen der Wirtschaftsvertreter und Spitzenpolitiker – scheinbar vereint in dem Vorsatz, etwas für eine bessere Welt beizutragen, indem sie miteinander reden. Das ist vom Prinzip her ja nicht verkehrt, aber wie wollen ausgerechnet diejenigen die Welt retten, die für die ganze Misere verantwortlich sind? Jene, die als Repräsentanten einer neoliberalen Marktwirtschaft täglich Armut und Ungleichheit verursachen und vor allem davon profitieren. Jene, die die Umwelt ausbeuten und Kriege führen.

Auch wenn dieses Jahr mehr Klimaschützer oder Vertreter von NGOs eingeladen wurden als noch vor zehn Jahren, darunter zum Beispiel auch die Klima-Aktivistin Greta und noch neun weitere junge Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzten: Es ändert nichts daran. Die Anliegen, die solche Leute vertreten, sind Zierde, Beiwerk, allenfalls ein interessanter Gedanke oder moralischer Appell.

Es wird keine Veränderungen geben

Denn in erster Linie dient dieses Forum dazu, die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und den einzelnen Nationen zu verbessern. Hier können Geschäftsleute in wenigen Tagen so viele Kontakte pflegen und Geschäfte anbahnen, dass sie viel Zeit sparen. Und Politiker können Werbung für ihre Länder als Investitionsstandort machen. Dieses Treffen bedeutet nicht Fortschritt, sondern es schreibt die herrschenden Zustände fest.

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Hintergrund zum WEF

Etwa 3000 Menschen nehmen in diesem Jahr am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos teil - darunter dutzende Regierungschefs und Wirtschaftsbosse, aber auch Wissenschaftler und Non-Profit-Organisationen wie Greenpeace. Etwa ein Drittel der Teilnehmer sind inzwischen aus der Zivilgesellschaft, rund ein Viertel sind Frauen.

Klaus Schwab (81) hat 1971 das Machtzentrum in Davos erschaffen. Er sah die Schweiz als idealen Ort in Zeiten des Kalten Krieges. Es habe eine neutrale, unabhängige Plattform gebraucht. Laut Claudia Schmucker von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist das auch bis heute die Stärke des Forums: informelle Treffen von Personen, die sich sonst kaum begegnen würden. Bei Kritikern gilt das WEF als elitär und undemokratisch – vor allem weil es selten greifbare Ergebnisse gebe.

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Zu glauben, dass sich das dadurch ändert, dass man die Klima-Aktivistin Greta einlädt, ist reines Greenwashing, eine gute PR-Strategie oder bestenfalls blauäugig. Wenn die Forumsteilnehmer es wirklich ernst meinen würden mit ihren Zielen zum Klimaschutz, dann wäre der Verzicht auf die Anreise nach Davos mit schätzungsweise 2000 Privatjets ja schon mal ein erster Schritt.

Von Davos aus wird es keine Veränderungen geben, gegen Steuerorasen oder Steuerpolitik, gegen soziale Ungerechtigkeit oder Großkonzerne, für eine gerechtere Welt oder für einen ernsthaften und schnellen Klimaschutz. Davos bleibt was es ist: heiße Luft im kalten Bergland, ein Treffen der Elite.

Pro: "Davos ist ein globaler Marktplatz für neue Ideen"

Von Christoph Scheld

Wir brauchen Treffen wie das in Davos. Gerade in Zeiten, in den es heißt, die Gesellschaft falle auseinander. In der Multilateralismus 'out' und nationale Egotrips 'in' sind. Da ist es doch richtig und wichtig, wenn man miteinander ins Gespräch kommt. Ich bin überzeugt: Jede Minute, in der Menschen ihre Konflikte mit Worten austragen, ist eine wertvolle Minute. Richtig, Davos rettet nicht die Welt. In Davos kommt auch 'nichts raus' – im Sinne verbindlicher Beschlüsse.

Das ist aber auch gar nicht das Ziel. Davos ist ein globaler Marktplatz für neue Ideen, Debatten und Gespräche. Sich unterhalten zu können, ohne den Druck, dass am Ende eine Abschlusserklärung unterzeichnet werden muss. Bei den formellen Gipfeln wie der UN-Klimakonferenz sehen wir doch, wozu das führt. Schon bevor das Treffen überhaupt begonnen hat, kursieren die ersten Entwürfe für ein Kommuniqué und dann wird tagelang um Formulierungen und Satzzeichen gerungen.

Bunter, lebendiger, jünger

In Davos kommen die Mächtigen der Welt aus Politik und Wirtschaft zusammen. Sozusagen auf neutralem Boden treffen sich Menschen, die einer Einladung einer Organisation oder einer Regierung vielleicht nicht folgen würden - zumindest nicht gleichzeitig: Israelis und Palästinenser, Konzernbosse und Aktivisten, Trump und Greta. Dem Argument der elitären, geschlossenen Gesellschaft ist das Forum in den vergangenen Jahren doch längst selbst entgegengetreten. Es hat sich geöffnet.

Davos ist bunter, lebendiger und jünger geworden. Und was aus meiner Sicht auch nicht zu unterschätzen ist: Wenn die Panels und Podiumsdiskussionen vorbei sind, kommt der Teil, der mindestens genauso wichtig ist: Wer am Abend bei einem Glas Rotwein ins Gespräch kommt, der entwickelt dabei oft mehr Verständnis für die Position des anderen als in langen Verhandlungsrunden.

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Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 21.1.2020, 6-9 Uhr

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