Peter Handke

Es tobt ein Streit um die Nominierung des Schriftstellers Peter Handke für den Literaturnobelpreis. Kritiker werfen ihm vor, den Völkermord von Srebrenica verharmlost zu haben. Aber lassen sich Werk und Autor so einfach trennen?

Pro: "Ein guter Schriftsteller ist nicht zwangsläufig ein guter Mensch"

von Pablo Diaz

Stehen die Werke eines Schriftstellers über seiner moralischen Qualifikation? Genau um diese Frage geht es bei der Debatte über den Literatur-Nobelpreis für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Lange vor ihm haben Autoren den Nobelpreis erhalten, deren literarisches Werk, deren Einfluss auf die Literatur, heute keiner in Zweifel zieht.

Ein paar Beispiele: Gabriel García Márquez, ein enger Freund von Fidel Castro, oder der Chilenische Dichter Pablo Neruda, einst Anhänger von Josef Stalin. Nicht zu vergessen: Thomas Mann mit seinem frühen Werk 'Ansichten eines Unpolitischen'. Eine Arbeit, in der Thomas Mann die Überlegenheit der Deutschen gegenüber den Franzosen herausstellte, und damit den Ersten Weltkrieg rechtfertigte. Ein guter Schriftsteller ist eben nicht zwangsläufig auch ein guter Mensch.

Es gibt keinen Zweifel: Peter Handke ist ein bedeutender Autor. Lange vor seinen Werken, die sich mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien beschäftigen, hat Handke ein Oeuvre von Weltrang geschrieben.  Mit seinen Sprechstücken 'Weissagung', 'Selbstbezichtigung' oder 'Publikumsbeschimpfung' oder dem Roman 'Der Hausierer' wurde er in den späten 60er Jahren zu einer Art Popstar der deutschen Literaturszene.

Man zelebrierte damals - zu Recht - seine Art des Umgangs mit der deutschen Sprache. Sie war erfrischend neu und anders. Handkes Werk lebt von diesem Umgang mit der Sprache. Auch damals schon war er ein Eigenbrötler, ein Egomane, ein Provokateur.

Dass seine jüngsten Arbeiten und seine politischen Aussagen zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien seine frühen Arbeiten etwas überschatten, mag man bedauern. Aber sie stellen sein Können als Schriftsteller und Poet nicht infrage. Und dafür bekommt er den Literaturnobelpreis – zu Recht.

Contra: "Krampfhaftes Wegsehen statt genaues Hinsehen"

von Alf Mentzer

Man muss mit Autoren nicht politisch einer Meinung sein, um ihre Werke mit Gewinn lesen zu können. Im Gegenteil: Kunst kann und sollte sich immer die Freiheit nehmen, anders auf die Welt zu schauen als wir es gewohnt sind. Nur dann verändert sie den Horizont, nur dann bringt sie uns im Denken weiter. Aber man kann die Freiheit der Kunst auch missbrauchen. Und genau das tut Peter Handke, wenn er beansprucht, als Schriftsteller die Welt anders, genauer, sensibler wahrzunehmen als die von ihm beschimpften Politiker, Journalisten und Historiker.

Denn was er dort zu sehen beansprucht - es gab auch Opfer auf Seiten der bosnischen Serben - , relativiert gleichzeitig die grausamen Verbrechen, die von Serben systematisch an der muslimischen Bevölkerung Bosniens begangen wurden. Wenn Handke glaubt, die herrschende Meinung zum Jugoslawienkrieg kritisch infrage zu stellen, dann tut er nichts anderes als populistische Verschwörungstheoretiker, die aus einer extrem verkürzten Sichtweise historische Tatsachen zum Verschwinden bringen wollen.

Wenn Kunst auf diese Weise alternative Wirklichkeiten konstruiert, um Fakten zu leugnen, dann ist Kunst mehr nicht nur Kunst, dann ist Kunst eine politische Handlung, die sich moralische Fragen gefallen lassen muss. An diesem Punkt lassen sich Autor und Werk eben nicht voneinander trennen. Das genaue Hinsehen, das Handke für sich als Schriftsteller in Anspruch nimmt, ist in Wirklichkeit ein krampfhaftes Wegsehen – und das kann, das sollte man kritisieren – und nicht mit einem Nobelpreis honorieren.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.12.2019, 15-18 Uhr

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