Ein Ornament der Olympischen Ringe vor dem Nationalstadion in Tokio

Wegen der Corona-Pandemie sind die Olympischen Spiele in Tokio schon einmal verschoben worden. Ob sie in diesem Jahr nun endlich stattfinden können? Es gibt gute Argumente dafür, aber auch dagegen.

Pro: Die Welt braucht Ablenkung

Von Carsten Schellhorn

Olympia in Tokio abzusagen ist einfach, aber es ist nicht besser. Aktuell spricht wenig gegen die Sommerspiele in Japan. Die Inzidenz dort ist mit gut 5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern beneidenswert gering. Damit das auch während Olympia so bleibt, wird es weitreichende Maßnahmen geben.

Die Spiele werden ohne Zuschauer aus dem Ausland stattfinden, auch die Journalisten und ein großer Teil der Funktionäre der teilnehmenden Länder sollten besser zu Hause bleiben. Übrig bleiben die Sportlerinnen und Sportler, für die schon im vergangenen Jahr eine Welt zusammenbrach, als Olympia verschoben wurde.

Die Spiele von Tokio endgültig abzusagen, wäre für zehntausende Spitzensportler auf der ganzen Welt ein Horror-Szenario, denn das Ziel, für das sie sich Tag für Tag plagen, wäre weg. Jeder einzelne Sportler will nach Tokio. Gewöhnt an das engmaschige Netz von Doping-Kontrollen ist es für sie kein Problem, fast jeden Tag an Corona-Tests teilzunehmen. Bei den diversen Weltmeisterschaften im Ski, Biathlon oder Bobbereich hat das zuletzt äußerst gut geklappt. Warum nicht auch bei Olympia in Tokio?

Außerdem brauchen die Corona-gestressten Menschen auf der Welt Ablenkung. Was taugt da besser als Olympische Spiele, eine Fußball-EM oder die Fußball-Bundesliga, bei der Wochenende für Wochenende allein in Deutschland Millionen Fans mitfiebern und in der deprimierenden Pandemie-Zeit etwas Ablenkung finden. Wie gesagt: Immer alles abzusagen, ist einfach. Aktuell gibt es aber viele gute Gründe dafür, in viereinhalb Monaten im OIympia-Stadion von Tokio das Olympische Feuer mit ein Jahr Verspätung endlich zu entzünden.

Contra: Eine Veranstaltung mit falschem Etikett

Von Martina Knief

Olympische Spiele sind das Größte für die Sportlerinnen und Sportler und für alle anderen, die dabei sein dürfen: Trainer, Betreuer, Mannschaftsärzte, Kampfrichter, Volunteers und, ja, auch für uns Journalistinnen und Journalisten. Menschen aus aller Welt kommen an einem Ort zusammen. An den Wettkampfstätten, in den Verkehrsmitteln und gerne auch an den Sehenswürdigkeiten der Gastgeberstadt.

Es sind 16 Tage geprägt von Freude und einem gemeinsamen Miteinander. Von Erzählungen, von mitfiebern und mitfeiern. Kann Tokio das unter den gegebenen Umständen in der Corona-Pandemie alles bieten? Können die Sportler sicher ihre Wettkämpfe absolvieren? Wahrscheinlich nicht. Schade.

Derzeit hat das Coronavirus und nicht die Vorfreude auf Olympische Spiele die Welt im Griff. Längst nicht jedes Land kann seine Athleten sicher nach Tokio schicken. Und deshalb bin ich der Ansicht, dass die Spiele noch einmal verschoben werden sollten – oder ganz abgesagt werden müssen. Denn Olympische Spiele ohne ein fröhliches Miteinander von Athletinnen und Athleten im Olympischen Dorf, ohne die Zuschauer aus aller Welt, ohne eine Stadt, die sich von ihrer schönsten Seite zeigen kann, sind einfach keine Olympischen Spiele.

Eine Aneinanderreihung von Wettkämpfen ohne Flair ist wie viele Weltmeisterschaften, die zufällig an einem Ort stattfinden. Ein Kommen und Gehen der Athleten und kein Miteinander, keine Eröffnungs- und Schlussfeier mit Fahnen schwenkenden Sportlerinnen aus aller Welt und jubelndem Publikum im Stadion. Keine fröhlichen Bilder von Athletinnen und Athleten, die mit allen anderen Siege feiern oder sich nach ihrer Niederalge trösten lassen. Keine ausgelassenen Partys im Olympischen Dorf. Olympische Spiele ausrichten, nur damit sie stattfinden: Für mich wäre das eine Mogelpackung, eine Veranstaltung mit dem falschen Etikett.

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Sendung: hr-iNFO, 10.3.2021, 6-9 Uhr

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