Eine Frau arbeitet am Laptop und hat ihr Kind auf dem Schoß (gestellte Szene).

Schöne neu Arbeitswelt oder doch nur Selbstausbeutung? Wer im sogenannten Home-Office arbeitet, spart sich den Berufsverkehr, arbeitet aber wahrscheinlich auch länger als im Büro. hr-iNFO hat Gründe für und gegen das Arbeiten von zu Hause aus gefunden.

Pro Home-Office

Von Daniel Bauer

Wenn es draußen so heiß ist wie die letzten Tage, dann ist die Frage nach dem Home-Office leicht geklärt: Wenn der Chef es mir erlaubt, bleibe ich zu Hause und lasse die Rollläden unten. Und wenn es auf der Arbeit eine Klimaanlage gibt, dann mache ich im Büro freiwillig Überstunden.

Aber Heimarbeit ist nicht nur bei Extremwetter eine feine Sache. Die Flexibilität, auch von zu Hause aus arbeiten zu können, passt einfach in die moderne Arbeitswelt. Dank Internet, Cloud-Speicher und Skype kann ich fast alles aus dem Wohnzimmer erledigen. Zumindest für den klassischen Büro-Job muss ich mich nicht mehr zweimal täglich in den Berufsverkehr stürzen. Das spart mir Nerven und der Umwelt CO2.

Apropos Nerven: Im ruhigen Arbeitszimmer zu Hause kann ich mich auch viel besser konzentrieren als im Großraumbüro, wo ich fast täglich Zeuge von menschlichen Dramen und Verstrickungen werde. Fast noch wichtiger finde ich sogar, dass Home-Office nicht nur ins moderne Arbeitsleben passt, sondern auch ins moderne Familienleben. Spätestens wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten wollen, fällt nämlich auf, dass die Öffnungszeiten von Kitas und Schulen das schlicht nicht hergeben.

Ob man Job und Familie unter einen Hut bekommt, hängt auch davon ab, dass mindestens ein Elternteil zumindest zum Teil von zu Hause arbeiten kann. Natürlich heißt das dann auch mal Nachtschicht im Arbeitszimmer, wenn die Kleinen endlich schlafen. Aber zumindest die Möglichkeit zu haben, auch mal von zu Hause zu arbeiten, ist für viele Familien schon ein echter Fortschritt. Und wenn das Arbeitszimmer dann noch im kühlen Keller liegt: umso besser.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Die Gefahr von Work-Life-Blending

Podcast aktuell
Ende des Audiobeitrags
Weitere Informationen

Die Kommentare spiegeln die Meinungen der Autoren wider, nicht die der Redaktion.

Ende der weiteren Informationen

Contra Home-Office

Von Thomas Kurella

Wenn man zwischen Privatleben und Job-Alarm, zwischen trautem Heim und Arbeitsplatz nicht mehr unterscheiden kann, dann sitzt man – richtig – im Home-Office. Die erste Euphorie über ein Berufsleben ohne Pendeln, ohne ständige Kontrolle, Stechuhr, Stundenplan und Dienstkorsett, hält nur eine Zeit lang vor. Dann zeigen sich die Schattenseiten der Heimarbeit.

Nicht jeder hat so viel Disziplin und Selbstkontrolle, dass er Hausalltag und Job mit Gewinn verbinden kann. Zwischendurch mal Wäsche wachen, einkaufen, den Hund ausführen: Dabei kann man sich ganz schön verzetteln. Wer die Freiheit des Home-Office wirklich ausnutzt, kommt bei der Arbeit leicht aus dem Tritt und liefert Murks ab. Ist der disziplinierte Heimarbeiter also besser dran?

Was die Arbeitsleistung angeht allemal – oft sogar über das gesunde Maß hinaus. Ohne den klaren Rahmen des Bürojobs übersehen viele, dass sie weit länger arbeiten, als sie müssten. Studien belegen: Zu Hause droht Selbstausbeutung. Und keiner kriegt es mit. Denn Kollegen gibt es ja keine.

Auch keinen spontanen Austausch. Der muss nicht immer störend sein, im Gegenteil: Der Büro-Schnack liefert auch Infos die sehr nützlich sind für die Arbeitsergebnisse und nicht zuletzt auch die Karriere. Manche bedrohliche Entwicklung vermittelt der Flurfunk zuerst.

Am Ende muss sich jeder fragen, ob er für die einsame Home-Office-Existenz wirklich der oder die Richtige ist. Denn längst nicht immer gilt: Der Starke ist am mächtigsten allein.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.07.2019, 6-9 Uhr

Jetzt im Programm