Christopher Columbus-Statue in St. Paul, USA

Die Black Lives Matter Bewegung hat eine Diskussion über koloniale Geschichte und den Umgang damit angestoßen - auch in Deutschland. Sollten Denkmäler, die Menschen ehren, die Leid in die Kolonien brachten, abgerissen werden? Oder sollten sie als Teil der Geschichte stehen bleiben?

Pro: Es geht um Empathie

Von Lisa Brockschmidt

Weg mit allem, was einer antirassistischen Gesellschaft im Weg steht. In Aumühle in Schleswig-Holstein steht das "Deutsch-Ostafrikaner-Ehrenmal", es gilt dem Kriegsverbrecher Paul von Lettow-Vorbeck. Ich möchte hoffen, dass es ohne einen bösen Hintergedanken dort steht, denn wer am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt war, dem gebührt keine Ehre.

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Zum Artikel Einfach abreißen? Über den Umgang mit kolonialen Denkmälern

Straßenschild der Lüderitzstraße in Kassel.
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Uns fehlt das Bewusstsein! Wir müssen darüber nachdenken, wen wir ehren. Denkmäler sollten Opfern gedenken, nicht Tätern. Oder wie würden Sie es finden, wenn in Berlin statt des Holocaust-Mahnmals eine Hitlerstatue stünde?

Wir wissen heute vieles besser, die Welt und die Gesellschaft sind globalisiert – die Grenzen verwischen und alles wandelt sich so schnell: Distanz spielt kaum noch eine Rolle, aus Brieffreundschaften wurden Videocalls. Wir sprechen in Anglizismen, lernen Sprachen mit Apps, erfinden uns ständig neu. Nur bei steinalten Denkmälern, da wird auf Tradition und Kultur gepocht.

Gefühle ernstnehmen und handeln

Für mich ist dieses Denken veraltet. Kultur und Traditionen sind wandelbar, sie profitieren voneinander. Es geht nicht um "was darf man noch?" – es geht um Empathie und ein "wie können wir es besser machen?". Wenn sich Schwarze Menschen durch kolonialistische Denkmäler diskriminiert fühlen, dann steht es uns nicht zu, zu widersprechen. Wir müssen zuhören, ihre Gefühle ernstnehmen und entsprechend handeln.

Deswegen müssen diese Statuen weg! Das muss nicht in einer Nacht- und Nebelaktion passieren. Man könnte sie stattdessen im Rahmen einer Veranstaltung entfernen und den Hintergrund thematisieren. Auf den leeren Sockel könnte ein neues Denkmal, diesmal mit einer Tafel – warum hier kein Ehrenmal mehr steht. Sightseeing und Stadtführungen hätten dann plötzlich ein zeitgemäßes Thema.

Contra: Denkmäler regen zum Nachdenken an

Von Jan Tussing

Alle Denkmäler abzureißen und zu stürzen, die geschichtlich fragwürdig sind, ist aus vielerlei Gründen unsinnig, ich würde so weit gehen zu sagen: kontraproduktiv. Denn es bringt nichts, Objekte zu verbannen, die die Haltung vergangener Zeit dokumentieren, wenn nicht auch die Haltung selbst angesprochen wird.

Objekte sind Zeugen ihrer Zeit, Ausdruck des Denkens von damals. Und als solche müssen sie gekennzeichnet werden. Ein rassistisch motiviertes Denkmal abzureißen, ändert nicht die rassistische Haltung der Menschen, die es anschauen. Genauso wenig wie eine politisch korrekte Sprache zu einer politisch korrekten Haltung führt.

Das Denken in den Köpfen der Menschen ändert sich nur, indem man sie anspricht, sie aufklärt und einbindet. Außerdem: Um zu bestimmen, ob die Biografie des deutschen Kaisers aus der Kolonialzeit lupenrein ist, oder etwa die des antisemitischen Komponisten Richard Wagners, müsste man endlose Debatten führen. Vielleicht sollten auch alle frauenfeindlichen Männer vom Sockel gerissen werden? Aber wer entscheidet das?

Lieber die Köpfe einschalten

Ein Abriss von Denkmälern führt am Ende zu ideologischem Eifer, aber nicht zu sachlicher Ausgewogenheit. Denkmäler sollen das bleiben, was sie fordern: zu denken. Wir sollten lieber unsere Köpfe einschalten und an jedem fragwürdigen Denkmal eine Plakette anbringen, die an das Denkwürdige erinnern und seine Taten einordnen.

Gibt es Ausnahmen? Auf jeden Fall: Verurteilte Verbrecher verdienen keine Denkmäler. Kriegsverbrecher und Menschen, die sich im Dritten Reich schuldig gemacht haben, sollten aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Aber Statuen von Christoph Kolumbus zu zerstören, wie jüngst in Baltimore geschehen, ist falsch und auch gefährlich.

Wir Menschen leben in einer Zeit, die geprägt ist von der Vergangenheit. Nicht mehr an die Geschichte zu denken, um das vergangene Elend zu vergessen, schützt uns nicht nur vor neuen Fehlern, sondern gibt uns keine Gelegenheit mehr, an unserer Vergangenheit zu wachsen.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 8.7.2020, 6 bis 9 Uhr

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