Erdogan Empfang in Berlin

Deutschland empfängt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Staatsbankett und rotem Teppich. Ist das richtig oder ein falsches Signal? Unsere Türkei-Korrespondenten sind unterschiedlicher Ansicht.

Contra: Wenn man schon mit Erdogan reden muss, dann Klartext

Von Christian Buttkereit

Roter Teppich geht gar nicht. Staatsbankett auch nicht. Die Kanzlerin macht es richtig, dass sie nicht hingeht. Klar hat das nichts mit Erdogan zu tun - muss sie ja so sagen. Doch sie weiß, was zu viel der Ehre wäre, Protokoll hin oder her. Cem Özdemir hat allerdings auch recht, indem er teilnimmt – wenn diese alberne Bankett schon stattfinden muss. Denn einen Özdemir möchte Erdogan dort wirklich nicht sehen. Doch was will man bei Tisch reden? Netter Smalltalk über verhaftete Regierungskritiker zum alkoholfreien Aperitif? Witzchen über deutsche Gefangene zum Hauptgang und vielleicht nach eine Landsergeschichte aus Afrin zum Dessert?

Das wird doch alles ein völliger Krampf. Ein Arbeitsbesuch hätte völlig gereicht. Themen gibt es ja genug. Außerdem kommt Erdogan als Bittsteller. Dann soll er sich auch so benehmen und man sollte ihn das auch spüren lassen. Stattdessen: Staatsbankett, Ehrengarde, roter Teppich – bei jemandem, der sich ein 1000-Zimmer-Schloss bauen und von einem katarischen Scheich ein palastartiges Flugzeug schenken lässt, kommt das prima an. Erdogan wird das als Bestätigung für seinen Kurs empfinden. Wahrscheinich wird er Merkel fragen, wie viele Zimmer das Kanzleramt hat und sich halb totlachen.

Und er wird sich lustig machen über die Deutschen, die erst drohen, "Bewegung im Fall der inhaftierten Deutschen sei Voraussetzung für verbesserte Beziehungen zur Türkei" und dann vor ihm auf die Knie gehen - aus Angst, er könne statt der Gefangenen ein paar Flüchtlinge mitbringen. Warum sagt man ihm nicht deutlich, dass er eigentlich gar nicht willkommen ist, solange er nicht geliefert hat? Am Ende des Staatsbesuchs werden ein paar deutsche Firmen einen neuen Auftrag in der Tasche haben. Na toll. Aber die deutschen Geiseln sitzen immer noch in der Türkei im Knast, und zwar ohne Teppich. Wenn man mit Erdogan schon reden muss, dann bitte Klartext. Das ist die einzige Sprache, die er versteht.

Pro: Nach Menschenrechten fragen, nicht nach Formalia

Von Marion Sendker

Als wenn man bei einem Staatsbankett nicht auch Klartext reden könnte. Was soll denn diese Diskussion um rote Teppiche und teures Essen? Viel wichtiger ist die Frage nach dem, was die Politiker besprechen, sei das nun bei einem Staatsbankett oder in der Pommesbude. Jemand wie Erdogan lässt sich doch nicht davon beeindrucken, ob Merkel oder Özdemir mit ihm zu Abend essen. Auch Erdogan ist Realpolitiker. Es geht ihm um die Gespräche dazwischen – und da wird er zwei Mal mit der Kanzlerin zusammentreffen. Das ist wichtig.

Genau jetzt, wo die türkische Wirtschaft so dringend Investitionen aus dem Ausland braucht, hat sich das Blatt nämlich gewendet:  Wen hat die Türkei denn noch, wenn es um Wirtschaftsbeziehungen geht? Man sollte die Zeit nicht damit verschwenden, über rote Teppiche und Essen zu diskutieren. Denn auch Deutschland hat Interessen in der Türkei.

Menschenrechtsorganisationen und Kulturvereine machen es richtig: Sie wollen mit Erdogan sprechen, sitzen zum Teil beim Staatsbankett dabei. Warum? Weil sie wissen:  Sei Deinen Freunden nah, und Deinen Feinden näher. Bitte, warum darf das nicht auch für politische Gegner gelten? Erdogan jedenfalls nicht wie jeden anderen Staatsgast zu empfangen, wäre töricht und kindisch. Worum geht es denn bei diesem Besuch? Er und Merkel dürfen nicht vergessen, dass Deutschland genau hinhört, was beim Staatsbankett und sonstwo gesprochen wird.

Wird die Bundeskanzlerin endlich deutliche Worte finden und von ihrem politischen Kuschelkurs gegenüber der Türkei abweichen? Was ist mit den politischen Gefangenen in der Türkei, was ist mit Menschenrechten, was ist mit den Flüchtlingen? Danach sollte gefragt werden und nicht nach irgendwelchen Formalia.

Sedung: hr-iNFO, 28.9.2018, 12:10 Uhr

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