Kirtorf

In 38 Fällen wurde oder wird gegen Polizisten in Hessen wegen rechter Umtriebe ermittelt. Mehrere von ihnen kommen aus dem Umkreis eines kleinen Orts, der in der Vergangenheit wegen rechtsextremer Vorfälle in den Schlagzeilen war: Kirtorf. Zufall?

Hunderte von Neonazis feiern, recken den Arm zum Hitlergruß und grölen zur Musik der Band "Garde 18": "Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib!". Es sind Szenen aus Kirtorf, einem kleinen Dorf im Vogelsbergkreis. Ein Journalist filmte dort im Jahr 2004 mit versteckter Kamera einen Abend in der Rechtsrockszene, die Aufnahmen sorgten bundesweit für Schlagzeilen. In dieser Zeit ist die Neonazi-Kameradschaft "Berserker Kirtorf" in der Gegend aktiv. Vor allem zwei Namen tauchen immer wieder auf: Bertram Köhler und Glenn Engelbrecht.

Verbindungen zu "Alt-Nazis"?

Ausgerechnet in und um Kirtorf fallen jetzt Polizisten auf, gegen die wegen rechter Gesinnung oder Motivation ermittelt wird. Da ist zum Beispiel ein Brüderpaar, das auf einer Kirmes in Kirtorf aufgefallen ist mit rechtsextremistischen Äußerungen. Bei einer Durchsuchung wurden bei einem von ihnen später auch NS-Devotionalien gefunden. Zufall? Oder gibt es möglicherweise Verbindungen zwischen den Polizisten und dieser alten rechten Szene in dem Ort?

Spurensuche in Kirtorf. Bewohner haben dort inzwischen ein Schild aufgestellt: "Willkommen im bunten Kirtorf - Rechtsextremismus – Nein Danke!", steht darauf. Durch die aktuellen Fälle ist der Ruf vom braunen Kirtorf wieder da. Das ärgert Pedro Valdivielso. Der Italiener ist seit Jahrzehnten im Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus aktiv. "Wir hatten uns gerade hier mit den Alt-Nazis auseinandergesetzt und dann kam das mit den Polizisten", sagt er. "Wir sind hier sehr verunsichert, sehr viele Fragen sind offen. Wir wollen auch wissen: Haben die Alt-Nazis was mit den Polizisten zu tun?"  

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"Alles hochgespielt"

Wie geht es anderen Menschen in Kirtorf? Weiß jemand mehr über die verdächtigen Polizisten? "Um ehrlich zu sein, hat man sich an den Ruf schon gewöhnt", sagt ein Mann vor dem örtlichen Supermarkt. Man werde ihn einfach nicht los – obwohl es nicht auf alle Bewohner zutreffe. "Es sind immer dieselben Personen, und es ist schade, dass das ganze Dorf in Verruf gerät."

Es werde alles übertrieben, meint ein anderer. "Ich war selbst Polizist, ich kenne diese Männer alle, die sind alle von Kirtorf und Umgebung, die spielen bei mir Fußball, ich kann denen nichts Negatives nachsagen, das wird alles hochgespielt." Die Polizisten hätten "mit rechts und links nichts zu tun, überhaupt nichts. Da würde ich mich für verbürgen", sagt er.  

Eine Begegnung mit Neonazis

Nach ein paar Minuten vor dem Supermarkt passiert etwas Unerwartetes: Ein VW Polo hält vor dem Laden an, er ist dunkelgrün lackiert und ein Eisernes Kreuz ist groß auf der Seitentür aufgemalt. In dem Auto sitzen zwei Männer. Der Beifahrer lässt seinen rechten Arm locker aus dem Fenster hängen. Darauf prangen von oben bis unten Hakenkreuze. Ein zweites Auto hält auf dem Parkplatz an. Ein Mann steigt aus, im szenetypischen Thor-Steinar-T-Shirt. Es ist der Neonazi Glenn Engelbrecht.

Früher veranstaltete er mit Bertram Köhler Konzerte der "Berserker Kirtorf". Dort sangen sie judenfeindliche Lieder. Kennt er die beiden Polizisten, gegen die ermittelt wird? Dazu will er nichts sagen, wenn es aufgenommen wird. Auf Facebook waren sie befreundet, aber das muss nichts heißen, schließlich kennt man sich in so einem kleinen Ort.

"Gute Jungs"?

Der Lokaljournalist Joachim Legatis kennt die "Alt-Nazis" aus Kirtorf und weiß einiges über die verdächtigen Polizisten. Er denkt nicht, dass beide miteinander zu tun haben. Zunächst mal gibt es also keine Hinweise auf eine Verbindung. 

Weiter offen bleibt die Frage: Was sind die Polizisten für Menschen? Ein Besuch im Stadtteil Ober-Gleen, wo einer der beiden wohnt: ein Mann Mitte vierzig, groß, kurz geschorene Haare. Er dürfe wegen der laufenden Ermittlungen nichts sagen, entschuldigt er sich. Er habe mit Rassismus nichts zu tun, er sei mit vielen Migranten befreundet, sagt er noch.  Die Polizistenbrüder halten sich für unschuldig, und auch in Kirtorf ist immer wieder zu hören: "Das sind gute Jungs".

Schwerwiegende Vorwürfe

Aber das ist nur die eine Seite. Die Ermittlungsbehörden sagen etwas anderes. Die Vorwürfe gegen die beiden Brüder seien schwerwiegend und würden auf jeden Fall eine Straftat darstellen. Und: Die Anschuldigungen scheinen offenbar plausibel. Denn beide  sind vom Dienst suspendiert, sie dürfen also nicht als Polizist tätig sein. Eine gravierende Maßnahme, die dann getroffen wird, wenn eine Entlassung aus dem Polizeidienst wahrscheinlich ist. Allerdings laufen die Ermittlungen noch. Was genau an den Vorwürfen dran ist, wird also noch geprüft.

Die Ermittler wollen auch wissen, ob die beiden Brüder Kontakte in die rechtsextremistische Szene hatten oder haben, etwa ins Umfeld der "Berserker Kirtorf". Eine abschließende Antwort darauf gibt es noch nicht.

Die Chatgruppe "Itiot"

Im Fall "Kirmes" enden die Spuren hier also vorerst. Doch es gibt noch eine andere Spur in Kirtorf: ein Verdächtiger aus dem sogenannten Fall "Chatgruppe".  Die Vorwürfe in diesem Fall liegen sogar noch viel schwerer.

Hier geht es um einen Drohbrief, den die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz im August 2018 per Fax bekam. Darin kündigt man ihr an, ihre kleine Tochter schlachten zu wollen. Unterschrieben ist das Fax mit "NSU 2.0". Die Ermittlungen führen schnell in das erste Polizeirevier in Frankfurt.

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Die Daten der Anwältin wurden vom Computer einer Beamtin in diesem Revier abgerufen. Und nicht nur das: Auf dem Handy der Beamtin stoßen die Ermittler auch auf eine Chatgruppe mit dem Namen "Itiot", zu der noch fünf weitere Polizisten gehören. In der Chatgruppe haben die Beamten offenbar über längere Zeit verfassungsfeindliche Symbole und rassistische Inhalte ausgetauscht.

Beamtin "nicht als rechts bekannt"

Die Ermittler sind elektrisiert: Haben die Mitglieder der Chatgruppe etwas mit den Drohschreiben an die Frankfurter Anwältin zu tun? Einer der verdächtigen Beamten hat einen Wohnsitz in Kirtorf, er wurde Ende Juni zwischenzeitlich festgenommen, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nach unseren Recherchen in Frankfurter Polizeikreisen kennt den Mann aus Kirtorf niemand. Doch die Beamtin, von deren Computer die Daten abgerufen wurden, ist bekannt. Sie sei fix und fertig, heißt es. Sie habe sich lediglich nicht aus dem System ausgeloggt. Trotzdem wurde die Chatgruppe mit rassistischen Inhalten auf ihrem Handy gefunden. Als rechts eingestellt wird sie jedoch nicht wahrgenommen.

Korpsgeist oder kalkulierte Strategie von Rechten?

Das ist immer wieder zu hören: Die Beamten seien nicht als rechtsextrem bekannt. "Vollidioten", "Deppen", die wegen Überlastung und Frust ein Ventil suchen - ja. Aber Nazis? Nein. Stimmt das? Die Inhalte aus der Chatgruppe seien schockierend, heißt es aus Kreisen der Ermittler. Und auch wenn der Begriff "Nazi" keine strafrechtliche Kategorie ist – die im Raum stehenden Vorwürfe fallen unter die Kategorie "politische motivierte Kriminalität rechts".  Dazu gehört das Zeigen verbotener nationalsozialistischer Symbole, ebenso wie Volksverhetzung.

Und noch etwas: Keines der Mitglieder aus der Chatgruppe äußert sich zu den Verdachtsmomenten. Die Gruppe hält offenbar dicht. Ist er da wieder, der berühmte Korpsgeist in der Polizei? Oder steckt dahinter die kühl kalkulierte Strategie einer konspirativen rechten Gemeinschaft? Auf jeden Fall ist das beharrliche Schweigen ein Grund dafür, dass die Ermittlungen sich in die Länge ziehen. Ein Ende - derzeit nicht absehbar.   

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 16.9.2019, 6-9 Uhr

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