Mutter mit Kind bei der Arbeit
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Sie soll eine gute Mutter und Partnerin sein, beruflich erfolgreich und nebenbei noch top aussehen: Ist das das aktuelle Frauen- und Mutterbild? Viele Frauen empfinden es so. Und treiben sich damit an den Rand des Leistbaren - oder ein Stück darüber hinaus.

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"Sie muss topmodelmagerschlank sein, aber sie muss auch Kinder wollen. Sie muss die richtige Zahl der richtigen Kinder mit dem perfekten Mann im richtigen Moment kriegen. Die richtige Zahl ist nicht eins, das ist ego, aber auch nicht fünf, das ist asi. Es muss irgendwo dazwischen liegen. Wenn sie die Kinder hat, muss sie arbeiten, sie muss Karriere machen und zwar selbstbewusst. Und während sie Karriere macht, muss sie gleichzeitig zu Hause sein. Sie darf keine Rabenmutter sein. Sie muss weiterhin topmodelmagerschlank sein, man darf ihr die Kinder, die sie gekriegt hat, nicht ansehen. Zu Hause muss sie außerdem Hure, Liebhaberin, beste Freundin, Mutter und alles auf einmal sein. Und den Stress, den sie hat, den darf man niemals spüren!" Der Kabarettist Florian Schroeder hatte die Lacher auf seiner Seite mit dieser Aussage.

Ist das das aktuelle Frauen- und Mutterbild? Die Analyse kommt den Ansprüchen an Mütter heute jedenfalls erstaunlich nahe. Egal, ob Projektion von außen oder von den Müttern selbst. Für die Autorin Antonia Baum ein großes Thema, seitdem sie selber Mutter geworden ist. "Die ideale Mutter sollte als Mutter halt ideal sein, anwesend, liebevoll und Muttersein sollte schon Ihre Erfüllung sein", sagt sie. "Gleichzeitig sollte sie auch beruflich erfolgreich sein und schön natürlich und gut gelaunt und sexuell hat sie's auch gut drauf." In dem akademischen, urbanen Milieu, aus dem heraus Antonia Baum schreibt, könne man sagen, eine sehr gute Mutter sei eine Karrierefrau, bei der die Kinder an erster Stelle stehen.

Wenn alles zusammenbricht

In ihrem Buch 'Stillleben' beschreibt die 1984 geborene Schriftstellerin und Journalistin Antonia Baum, wie es ihr erging, als sie mit diesen Vorstellungen im Kopf ihr erstes Kind bekam. Erst mal funktionierte nichts so, wie sie sich das ausgedacht hatte. Sie beschreibt eindringlich, wie in dem Lebensabschnitt, der laut Rollenklischee der glücklichste sein sollte, alles zusammenbricht.

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Alles, was sich die junge, urbane Medienfrau in Berlin an Anerkennung, Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung aufgebaut hat. "Die Härte, mit der einen das dann trifft, das fand ich krass", sagt sie heute. Das Kind fordert und bindet sie so sehr, dass sie sich kaum noch aus der Wohnung traut. Der Vater ihres Kindes geht weiter arbeiten, sie, die Akademikerin, Anfang 30, wechselt plötzlich Windeln, erlebt sich als fremdbestimmt, lahm, ängstlich, abhängig.

In der "Retraditionalisierungsfalle"

Wie geht das zusammen mit dem Rollenbild der Mutter und Karrierefrau, bei der die Kinder an erster Stelle stehen und die dabei – na klar – topmodelmagerschlank bleibt? Es geht nicht zusammen, sagt die Soziologin Ewa Palenga von der Frankfurter Goethe-Universität und spricht von einer "Retraditionalisierungsfalle". Die Erwartung junger Frauen sei, dass man alles schafft. Sobald die Kinder allerdings auf der Welt sind, fielen die meisten aber wieder in traditionelle Rollenbilder. "Das heißt, die Frau ist in erster Linie zuständig für Familie, für Care-Arbeit, also Fürsorge-Arbeit, und der Mann ist in erster Linie zuständig für Erwerbsarbeit", so Palenga.

Eine aktuelle Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen stützt die Aussage der Frankfurter Soziologin. In den 41 untersuchten Ländern, darunter alle EU-Staaten, arbeiten Frauen 266 Minuten am Tag ohne Bezahlung, Männer gerade mal 108 Minuten. Frauen investieren also mehr als doppelt so viel Zeit in Tätigkeiten, die nicht bezahlt und oft nicht hoch angesehen werden. Die sogenannte Care-Arbeit: um Haushalt, Kinder und Angehörige kümmern.

Eine unfertige Revolution

Hat sich so gar nichts verändert außer den Ansprüchen an die Mütter - auch nach Jahrzehnten des Kampfs für Gleichberechtigung? Eine pessimistische Perspektive auf das Ganze besage, "dass es eine unfertige Revolution ist, die nicht komplett vollzogen ist", sagt die Soziologin Ewa Palenga. "Frauen haben sich den Männern auf den Arbeitsmärkten angeschlossen, aber diese Revolution ist nicht fertig, weil sie immer noch in Teilzeit arbeiten. Das ist das Modell, was hier in Deutschland herrscht." Es nenne sich modifiziertes Ernährer-Modell. Während früher der Mann der Ernährer war und die Frau zu Hause blieb, sei es jetzt in dem Sinne angepasst, dass Frauen zwar arbeiten, das allerdings in der Rolle der Zuverdienerinnen tun.

Zitat
„Wir sind modern, aber nur rhetorisch. Die Väter sitzen am Spielplatz, aber sie machen das nur am Wochenende. Es sind immer noch die Mütter, die das Alltags-Management übernehmen.“ Zitat von Ewa Palenga, Soziologin
Zitat Ende

Die neueste Studie der OECD von 2017 zeigt, dass in Deutschland Frauen 22 Prozent zum Familieneinkommen beitragen. Das ist im europäischen Vergleich sehr wenig und ein Indikator dafür, dass deutsche Frauen oft in Teilzeit arbeiten. Eigene Karriere, Gleichberechtigung: alles nur Gerede? Palenga spricht von einer scheinbaren, einer rhetorischen, Modernisierung in der Mittelschicht: "Wir sind modern, aber nur rhetorisch. Die Väter sitzen am Spielplatz, aber sie machen das nur am Wochenende. Sie sind Wochenend-Väter, weil sie normalerweise unter der Woche um 20 Uhr nach Hause kommen. Sie sind da, aber sehr begrenzt." Es seien immer noch die Mütter, die das Alltags-Management übernehmen. Und da sei man beim Thema: "Wenn sie alles haben wollen, dieses Alltags-Management alleine leisten und noch arbeiten gehen, dann kann man das im Grunde nicht schaffen", sagt Palenga.

"Nicht alles perfekt machen"

Geraten Mütter unweigerlich in eine Art Überforderungsfalle? Zerrieben zwischen unflexiblen Arbeitgebern, unzureichenden Betreuungsangeboten, altem Denken und eigenen Ansprüchen? Wie schwer ist es erst für alleinerziehende Mütter mit kleinem Einkommen, die sich keine Putzhilfe oder Kinderfrau leisten können? Viele Frauen sind überfordert, überfordern sich selbst. Das nimmt auch Anne Schilling, die Geschäftsführerin vom Müttergenesungswerk wahr. In ihre Einrichtungen kommen Frauen, um eine Kur zu machen - rund 50.000 sind das im Jahr.    

Die Frauen kämen überweigend mit Erschöpfungszuständen bis zum Burnout: "Das ist sichtbar in Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen, Gereiztheit, aber auch in körperlichen Symptomen wie einer geschwächten Abwehr, häufigen Infekten, Kopfschmerzen, Migräne", sagt Schilling. "Also alles Überlastungserscheinungen, die sich Bahn brechen, weil die Frauen auf diesem Weg zur guten Mutter tatsächlich ihre Bedürfnisse ganz weit hinten anstellen. Alles andere hat Priorität und das macht krank."

Das ist sehr weit weg von der erfolgreichen, glücklichen, topmodelmagerschlanken Karrierefrau mit Kindern. Weit weg vom Klischee der Latte-Macchiato-Mutter, die tiefenentspannt im Großstadt-Café ihr Mutter-Sein genießt. Das ist nah dran an dem, was die Berliner Autorin Antonia Baum erlebt und beschrieben hat. Inzwischen arbeitet sie wieder und versucht immer noch, Anspruch und Wirklichkeit zusammenzubringen. "Mit dem Ergebnis der Überforderung - mal mehr, mal weniger erfolgreich", sagt sie. Sie arbeitet viel, weil sie muss, und sie versucht, so viel wie möglich bei ihrem Kind zu sein. Sie versucht, sich gut mit ihrem Mann zu verstehen, und nicht alles perfekt zu machen. "Man kann generell wohl sagen, dass ich halt ziemlich viel versuche", sagt sie.  

Sendung: hr-iNFO, 10.5.2019, 6:10 Uhr

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