s: gesundheit Schmerzen

In Deutschland werden immer mehr Schmerzmittel verschrieben - auch Opioide, die teilweise starke Nebenwirkungen haben und abhängig machen können. Was sind die Gründe für den Anstieg? Und wie beurteilen betroffene Patienten die Therapie?

Wie sich ein Leben ohne Schmerzen anfühlt, daran kann sich Marianne Schneider-Fabian kaum mehr erinnern. Seit über 20 Jahren leidet sie unter Fibromyalgie, auch Muskel-Faser-Schmerz genannt. Das sei bei ihr ein Schmerz von Kopf bis Fuß, ein stechender Schmerz, immerwährender Schmerz. "Auch die Haut tut weh bei Berührungen. Ein Schmerz, der immer da ist und der sich dann auch noch auf die Organe ausbreiten kann."

Den Alltag bewältigt die eigentlich fröhliche Frau nur mithilfe von Schmerzmitteln - bis zu 1.000 Milligramm pro Tag. Neurochirurgin Anke Schüssler vom Klinikum Darmstadt kennt solche Fälle. Denn wenn die Ursache einer Krankheit, wie zum Beispiel bei Fibromyalgie-Patienten, nicht klar sei, komme man an der langfristigen Einnahme von Medikamenten nicht vorbei, meint die Ärztin.

"Permanenter Schmerz nicht tragbar"

Natürlich sei es im Interesse von Ärzten und Patienten, möglichst wenige Medikamente zu verabreichen. "Andererseits: Ein Patient, der die ganze Zeit Schmerzen hat - das ist für die Lebenssituation nicht tragbar. Auch nicht für die Krankenkassen und fürs Gesundheitssystem", so Schüssler. Die Ärztin bildet sich zur Zeit zu einer Schmerztherapeutin fort. Aus ihrer Sicht ermöglichen Medikamente Lebensqualität, es sei inzwischen nicht mehr üblich, Patienten Schmerzen aushalten zu lassen. Auch würden Patienten heute schneller nach Medikamenten verlangen als früher.

Für Thekla Knauer aus Pfungstadt gibt es schlicht keine andere Option - das Opioid Tramadol ist ihr täglicher Begleiter. "Wenn jemand am Boden liegt und total nichts mehr machen kann, dann nimmt man es gerne in Kauf, dass man das Medikament eben hat", sagt sie. Die Fibromyalgie-Patientin nimmt die Medikamente seit 15 Jahren – jeden Tag. Oft sogar drei Mal, um ihre Schmerzen überhaupt aushalten zu können. Seitdem hat sie Verstopfungen, Blutungen und Hämorrhoiden.

Nebenwirkungen und Suchtpotenzial

Weitere Informationen

WHO-Stufenschema

Das Stufenschema ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelte Empfehlung zum Einsatz von Analgetika, also Schmerzmitteln, und anderen Arzneimitteln im Rahmen der Schmerztherapie. Demnach findet schrittweise eine gezielte Eskalation der analgetischen Medikation statt.

Ende der weiteren Informationen

Laut WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie stehen schwache Opioide, wie Thekla Knauer sie nimmt, auf Stufe 2. Starke Opioide wie zum Beispiel Morphin folgen auf Stufe 3. Grund sind die Nebenwirkungen, über die Anke Schüssler ihre Patienten immer aufklärt. Die meisten Patienten würden auch direkt fragen, ob ein Mittel abhängig mache oder nicht. Das sei aber nicht schlimm, so Schüssler: "Weil meistens, wenn die Patienten Schmerzen haben und das Mittel brauchen, dann ist das nicht missbräuchlich. Die werden dann nicht abhängig."

WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie

Kaum Leistungen von der Kasse

Thekla Knauer würde gerne weniger Opioide nehmen. Ein Orthopäde hat ihr dafür vor kurzem eine Magnetfeldtherapie verordnet. Das habe sie versucht und es habe "wirklich was gebracht." Aber: "Ich muss es natürlich alleine zahlen, 159 Euro für fünf Mal. Und da konnte ich also mit einer Kapsel auskommen pro Tag", sagt Knauer. Kaum war die Behandlung vorbei, waren die Schmerzen wieder da. Marianne Schneider-Fabian nickt. Auch sie hat schon vieles probiert: Entspannungsübungen, Physiotherapie, sogar Lachtherapie.

Beide Frauen fühlen sich in Bezug auf ihre Schmerzen alleingelassen – auch finanziell. Denn außer Medikamenten bekommen sie kaum Leistungen von der Krankenkasse. Schneider-Fabian wünscht sich deshalb, "dass es überhaupt Schmerzmediziner mehr gibt, zu denen wir gehen können. Viele nehmen ja keine Patienten an." Und man bekomme "überall den gleichen Rat: Das müssen Sie nehmen, das oder das. Aber keiner verordnet das alles. Jede Fachrichtung guckt immer nur bis zum eigenen Tellerrand," so Schneider-Fabian.

Beide Frauen waren auch schon in speziellen Schmerzzentren, wo genau diese Zusammenarbeit besser klappen soll. Nachhaltige Erfolge habe es aber auch da nicht gegeben. Und speziell ausgebildete Schmerzärzte in Darmstadt ließen sich an einer Hand abzählen. Im Klinikum Darmstadt gibt es derzeit gerade mal einen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.10.2019, 6 bis 9 Uhr

Jetzt im Programm