Mahnung

Auch wenn der aktuelle Schuldneratlas eine gesunkene Zahl an Schuldnern zeigt: In den nächsten Jahren wird die Zahl wohl deutlich steigen. Durch die Corona-Pandemie drohen auch dem Mittelstand zunehmend finanzielle Probleme. Experten raten zu frühzeitigem Handeln.

Es sind zwar weniger Menschen verschuldet als im vergangenen Jahr – ihre Zahl ist zum zweiten Mal in Folge gesunken (69.000 Fälle insgesamt). Doch es heißt, das sei wahrscheinlich nur die Ruhe vor dem Sturm. "Das ist nur ein Blick auf den Status quo. Und das bedeutet nicht, dass diese Zahlen eine Verbesserung andeuten oder gar eine Entspannung", sagt Patrick Ludwig Hansch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform. Tatsächlich seien diese Zahlen Ausdruck dafür, "dass das Geschehen insgesamt nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist."

Corona sorgt für Probleme auch bei der Mittelschicht

Offiziell hat im Moment jeder zehnte Erwachsene Schuldenprobleme – 6,8 Millionen insgesamt. Doch Hansch glaubt, dass im Moment nicht alle Fälle erfasst sind. "Wir rechnen damit, dass im Jahr 2020 insgesamt 400.000 Menschen mehr überschuldet sind, als wir das tatsächlich in der aktuellen Statistik sehen", sagt er. Dennoch hätten sich viele Corona-Folgen nicht in den Statistiken niedergeschlagen. Inkassoverfahren, Gerichtsvollzieher, Pfändung: Dazu ist es in der Regel noch nicht gekommen.

Klar sei aber auch: Corona sorgt dafür, dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht Probleme bekommen, regelmäßig ihre Rechnungen zu bezahlen. Der Hauptgrund dafür ist, dass durch die Pandemie bei vielen das Einkommen sinkt durch die anhaltende Kurzarbeit, durch Jobverlust, weil Studierenden die Nebenjobs wegfallen oder Solo-Selbstständigen die Aufträge, während gleichzeitig die Rücklagen ausgehen. Vor allem bei Haushalten mit ohnehin niedrigem Einkommen wirke sich das fatal aus und werde auch mit dafür sorgen, dass die Überschuldung im kommenden Jahr wieder deutlich steigt.

"Ein absolutes Schamthema"

"Bei den Geringverdienern ist es so, die können natürlich weniger zur Seite legen und sind deswegen auch eher in Gefahr in Überschuldungs-Spiralen einzutauchen, als dass es die Gutverdiener sind. Und diese Tendenz wird sich auch während Corona weiter fortsetzen", sagt Hansch. Sie wird auch dazu beitragen, dass vor allem die Überschuldung im Alter steigt. Diese Entwicklung beobachten die Fachleute schon länger.

Während immer weniger Menschen unter 30 mit Schulden kämpfen, steigt der Anteil der über 60- und 70-Jährigen stark an. Was besonders problematisch ist, weil das Einkommen als Rentner normalerweise viel zu gering ist, um die aufgelaufenen Schulden jemals wieder loszuwerden. Auch deshalb empfehlen die Fachleute, sich bei Problemen möglichst frühzeitig Hilfe zu suchen.

"Auch wenn Angehörige der Mittelschicht in diese Überschuldungs-Thematik leider eintauchen müssen. Das ist ein absolutes Schamthema", sagt Hansch. Man sollte sich bei den ersten Anzeichen - etwa liegen gebliebene Rechnungen - direkt Hilfe suchen, zum Beispiel bei der Schuldnerberatung. Wer reagiere, bevor die Schulden immer größer werden, der habe auch deutlich bessere Chancen, der Schuldenspirale wieder zu entkommen.

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 15-18 Uhr

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