Schwarze Null (Symbolbild)

Ein Bundeshaushalt, der ohne neue Schulden auskommt - seit Jahren ist das der große Stolz der Bundesregierung. Aber ist die schwarze Null überhaupt so erstrebenswert? Wirtschaftsforscher haben Argumente, warum ein Haushalt auf Pump derzeit vielleicht besser wäre.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Teuer erkauft? Der Tanz um die Schwarze Null

Das Thema
Ende des Audiobeitrags

1. Die 'Schwarze Null' bedroht den Aufschwung 

Offiziell wächst Deutschlands Wirtschaft - noch. Und auch nur minimal. "Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland war im dritten Quartal 0,1 Prozent höher als im zweiten Quartal", hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet. Wirtschaftsforscher sagen aber, die Rechnung stimmt nur noch, weil es dem Dienstleistungssektor ganz gut geht, im Gegensatz zur Industrie, die schon eine ganze Weile leidet. "Da ist die Politik gefragt, zu stabilisieren, zu sagen, jetzt geben wir Geld aus", sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher, "damit die Wirtschaft stabilisiert wird, damit Arbeitsplätze erhalten werden können, damit die Risiken, die aus der Weltwirtschaft kommen, zumindest zum Teil kompensiert werden können."

2. Das Land verschleißt

Marode Schulen, kaputte Autobahnen, einsturzgefährdete Brücken - der Verfall ist allgegenwärtig. Das merken nicht nur wir im täglichen Feierabendstau, sondern das stellt auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman fest. Deutschlands Infrastruktur bröckele.

Und sein deutscher Kollege Fratzscher rechnet vor: "Alleine bei der Verkehrsinfrastruktur, also Schiene, Straße, Wasserwege, fehlen knapp zehn Milliarden Euro pro Jahr". Ansonsten sei der Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr.

3. Eine Zukunft kostet Geld

Deutschland habe eine der schlechtesten Digital-Infrastrukturen der westlichen Welt, sagt DIW-Präsident Fratzscher. Alleine hier müssten bis zu 100 Milliarden Euro investiert werden, um der Wirtschaft Bedingungen zu geben, wie sie sie anderswo schon heute findet. Genauso unterfinanziert sei der ganze Bildungssektor und auch bei Forschung und Entwicklung fehle es in Deutschland an Geld. "Wenn Sie heute Geld in Bildung und gute Infrastruktur investieren, dann kommt das doppelt und dreifach in der Form von höheren Steuereinnahmen in der Zukunft wieder zurück", so Fratzscher.

4. So billig gibt’s nie wieder Geld

Wer dem deutschen Staat 30 Jahre lang Geld leiht, bekommt dafür: nichts. Deutschland hat als erstes Land so eine Null-Zins-Anleihe herausgegeben - und auch verkauft. "Ökonomisch ist das unklug, was der Bundesfinanzminister macht, die Chancen, die der Kapitalmarkt gibt, nicht zu nutzen und damit zu wenig zu investieren", sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. "Wir lassen Geld auf dem Bürgersteig, auf der Straße, schlicht liegen."

5. Deutschland schadet nicht nur sich selbst

Die ganze Welt habe ein "Germany problem", schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman in einem Gastbeitrag der New York Times. Deutschlands Obsession, keine neuen Schulden zu machen, sei ruinös. Für das eigene Land und für die Weltwirtschaft.

Und Marcel Fratzscher springt ihm bei: "Gerade, wenn man ein solches Wirtschaftsmodell hat, müssen wir doch überlegen, was kann man in schwierigen Zeiten tun, um diese schwierige Weltwirtschaft zumindest einheimisch in Deutschland zu kompensieren". Von der EZB nämlich, so Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman, habe die Wirtschaft kaum mehr Hilfe mehr zu erwarten – deren Zinsen seien ja schon negativ.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 26.11.19, 15-18 Uhr

Jetzt im Programm