Ein Kunde bezahlt in einem Geschäft mit seinem Handy .
Swish - und weg! Bezahlen ohne Bargeld ist in Schweden längst die Norm. Bild © Imago Images

Bargeld hat in Schweden so gut wie niemand mehr in der Tasche. Mit Kreditkarte, Handy-App und vielleicht schon bald der E-Krone bezahlt es sich doch eh viel leichter. Ganz und gar abschaffen wollen die Schweden Scheine und Münzen dann aber doch nicht.

Spenden in der Kirche, die Obdachlosenzeitung, selbst öffentliche Toiletten: Alles wird in Schweden elektronisch bezahlt. Auch die Tasse Kaffee zum Mitnehmen und Briefmarken am Postschalter im Supermarkt - obwohl die in Zeiten von Email, SMS oder Kurznachrichtenapps ja eigentlich ein Anachronismus sind. Ach ja, und dann der öffentliche Nahverkehr. Bar zahlen beim Fahrer? Das geht schon lange nicht mehr. Wer keine Karte hat, muss laufen.

Nach Angaben der schwedischen Zentralbank, der Reichsbank, zahlen inzwischen mehr als 80 Prozent der Menschen fast alles mit ihrer Karte. Vor zwei Jahren waren es noch 64 Prozent. "Manche finden wohl, dass diese Entwicklung zu schnell geht und das muss man respektieren", sagt Leif Trogen, der bei der schwedischen Bankvereinigung für die Infrastruktur zuständig ist. "Deshalb ist es wichtig, dass man diesen Menschen hilft. Aber, was die technische Entwicklung angeht, die kann man nicht ignorieren, sie wird sich immer weiter in diese Richtung fortsetzen."

Nicht nur ältere Leute haben Probleme

So sehen es die Banken. Aber das sei auch kein Wunder, meint Jan Bertoft, Generalsekretär der schwedischen Verbraucherschutzorganisation 'Sveriges Konsumenter': "Banken verdienen natürlich deutlich mehr bei Bezahlungen mit Karte als mit Bargeld. Zwar sagen sie, dass der Verbraucher die Karte will,  aber das stimmt nicht." Man laufe Gefahr, einige Gruppen wie Zuwanderer oder Behinderte zu benachteiligen. Auerßdem seien Menschen auf dem Land mehr vom Bargeld abhängig als Städter, auch weil sie es oft kaum anders kennen würden. "Man braucht eine angemessene Balance zwischen ihren Bedürfnissen und der technischen Entwicklung." Aber die gebe es in Schweden so längst nicht mehr. Auch ältere Leute haben Probleme mit der neuen Technik und vor allem mit den PIN-Codes, die sie sich kaum merken können.

Trotzdem läuft ohne Handy fast nichts mehr in Schweden. Ohne Smartphone geht hier kaum noch jemand aus dem Haus. Sieben große Banken haben das längst für sich entdeckt und bieten gemeinsam mit der Reichsbank seit sechs Jahren die Bezahl-App 'Swish' an. Knapp sechseinhalb von zehn Millionen Schweden haben die App auf dem Smartphone und zahlen bequem, schnell und angeblich auch sicher meist kleinere Beträge etwa auf Floh- oder Wochenmärkten von Handy zu Handy. Dabei muss man sich nur über eine andere App namens 'Bank ID' identifizieren, dann den Betrag und die Nummer des Verkäufers eingeben, und – swish – ist das Geld auch schon angekommen.

Hartgeld nur noch für Notfälle

Kritik? Gibt es kaum. Und wenn, dann nur vereinzelt. Die Schweden mögen technische Neuerungen und machen sich um Datenklau und Datenschutz wenig Gedanken. Reichsbankchef Stefan Ingves stößt deshalb mit seinem nächsten Coup auf ein überwiegend positives Echo. Er lässt prüfen, wie sicher und technisch aufwändig eine 'E-Krone' wäre. Schweden überlegt, das erste Land mit einer eigenen Digitalwährung zu  werden. Wohl auch, um dem Bitcoin oder anderen Kryptowährungen und dem Buchgeld der Banken beizeiten etwas entgegenzusetzen. "Ich glaube, es wäre gut, wenn es irgendeine Form von elektronischem Geld gäbe, das von der Reichsbank ausgegeben wird und nicht nur im Besitz der großen Banken ist, sondern für alle verfügbar", sagt Ingves. "In einer Gesellschaft wie unserer muss jemand ja auch den rechtlichen Rahmen definieren. Ich halte es nicht für sinnvoll, das komplett dem privaten Sektor zu überlassen."

Da kündigt sich womöglich die nächste Revolution an. Doch bei aller Fortschrittsgläubigkeit: Skepsis gehört ebenso zum schwedischen Nationalcharakter. Und das heißt hier: Bargeldlos? Ja, aber nicht komplett. An die Abschaffung ist nicht gedacht, selbst wenn Scheine und Münzen im Alltag immer seltener auftauchen. Stefan Ingves will es für  den "worst case" behalten - den Zusammenbruch der schönen neuen schwedischen Geldwelt: "Ein offensichtliches Risiko wäre natürlich zum Beispiel ein Stromausfall, wenn niemand mehr etwas bezahlen könnte, weil normalerweise alles elektronisch abläuft. Irgendeine Form von Bargeld werden wir also auf absehbare Zeit zur Sicherheit benötigen."

Sendung: hr-iNFO, 30.07.2018, 16:10 Uhr

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