Innere Sicherheit Hessenwahl 2018
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Die Zahl der Straftaten in Hessen ist auf den niedrigsten Stand seit 1980 gefallen. Subjektiv haben die Menschen allerdings eher mehr als weniger Angst. Wie geht die Politik mit diesem Phänomen um?

Eigentlich könnte sich Innenminister Peter Beuth entspannt zurücklehnen. Die Kriminalitätsbelastung in Hessen liegt auf dem niedrigsten Stand seit 40 Jahren, die Aufklärungsquote hat Rekordniveau erreicht: 63 Prozent der Straftaten konnten aufgeklärt werden. Im Landtag erinnert der CDU-Politiker gerne daran: "Es geht uns in den Sicherheitsfragen herausragend gut. Wir leben in einem sicheren Land. Wir haben das in den letzten 25 Jahren deutlichst verbessert. Und ich finde – bei allem Respekt vor politischen Debatten im Detail – darauf können wir insgesamt sehr, sehr stolz sein."

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Faktoren gefühlter Unsicherheit

Thomas Bliesener, Direktor des Kriminoligischen Forschungsinstitut Niedersachsen, erklärt die Gründe für gefühlte Unsicherheit psychologisch. Folgende Faktoren spielen eine Rolle:

1. Es gibt insgesamt mehr Berichterstattung über einzelne Straftaten, was dazu führt, dass man immer wieder damit konfrontiert wird. Das hat zur Folge, dass es einem so vorkommt, als gäbe es mehr Straftaten.

2. Es gibt mehr authentisches Bildmaterial, z.B. durch Handyaufnahmen und Überwachungskameras, was dazu führt, dass man lebhaftere Erinnerungen hat. "Je mehr Beispiele mir einfallen, umso häufiger glaube ich, dass ein Ereignis stattfindet", sagt Bliesener.

3. Newsfeeds tragen zur Verstärkung des Eindrucks bei, es gäbe mehr Straftaten, da die Algorithmen einem Nutzer, der sich gerade etwas Bestimmtes ansieht, mehr Informationen zu diesem Thema anbieten.

Mehr Infos im Gespräch mit Thomas Bliesener [zum Podcast].

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Initiative sucht nach Lösungen für lokale Sicherheitsprobleme

Alles paletti also? Nein! Zu schaffen macht dem Innenminister das subjektive Sicherheitsgefühl mancher Hessen, das in Zahlen zwar schwer zu fassen ist, aber trotzdem dazu führen kann, dass Bürger lieber einen Bogen um dunkle Unterführungen machen oder die S-Bahn nach 20 Uhr nicht mehr nutzen wollen. Hanaus Oberbürgermeister Horst Kaminsky (SPD) warnt, dass das subjektive Empfinden ernstgenommen werden müsse, weil es "zu einer Beeinträchtigung des Lebens führt. Und jeder, der sich nicht getraut, zu einer bestimmten Zeit mit dem Bus zu fahren, den ÖPNV zu nutzen oder einen bestimmten Platz auszusuchen, ist in seiner Lebensqualität eingeschränkt – und das dürfen wir als Verantwortliche auf keinen Fall hinnehmen."

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#hrWAHL: Reden wir über Sicherheit

In der Reihe #hrWAHL kann das Publikum mit hessischen Spitzenpolitikern über wichtige Themen in Hessen diskutieren. An diesem Mittwoch (10.) geht es um Sicherheit, hr-iNFO überträgt ab 21 Uhr live. Über soziale Medien oder E-Mail können Sie mitmachen und Ihre Fragen stellen. [mehr]

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Hanau beteiligt sich deshalb zusammen mit zwölf anderen hessischen Städten an der Sicherheits-Initiative Kompass der Landesregierung. Die Idee bei Kompass: Polizei und kommunale Akteure - also zum Beispiel Schul-, Sozial- und Ordnungsbehörden - setzen sich an einen Tisch und suchen zusammen nach Lösungen für lokale Sicherheitsprobleme. In Hanau, wo die Kriminalität am Marktplatz schlimmer geworden war, sind das zum Beispiel mehr Polizisten und eine Stadtwache mitten in der Innenstadt. In Bad Homburg werden Seniorenberater eingestellt, um vor  Enkeltrickbetrügern zu warnen.

Opposition: "Billiges Wahlkampfmanöver"

Die Opposition sieht in der Sicherheits-Initiative dennoch ein billiges Wahlkampfmanöver. "Sie wollen also einer gefühlten Bedrohung eine gefühlte Sicherheit entgegenstellen", kommentiert etwa Hermann Schaus von der Linksfraktion. "Ich fände es aber viel wichtiger, diejenigen zu bekämpfen, die die Leute ununterbrochen verunsichern. Und das sind allen voran die AfD und der Bundesinnenminister Seehofer."

Nancy Faeser von der SPD sieht viel gravierendere Probleme - etwa die ihrer Meinung nach mangelnde Wertschätzung des Landes für die Polizei. "Die Polizeibeamtinnen und -beamten in Hessen arbeiten am Limit. Sie sind insbesondere, aber nicht nur im Schichtdienst so belastet, dass sie keine planbaren freien Zeiten mehr haben – was gleichermaßen für die Familie wie die Gesundheit schädigend ist."  

Der Innenminister ist trotzdem zufrieden mit Kompass. Die Rückmeldungen von vor Ort seien positiv. Und immer mehr Kommunen wollten bei der Landesinitiative mitmachen, zuletzt 17 weitere. Ob mit der Ausbreitung von Kompass aber auch das subjektive Sicherheitsgefühl steigen wird, ist derzeit schwer zu sagen. Ein Indikator könnte das Abschneiden der CDU bei der Landtagswahl sein, denn Sicherheit ist traditionell eines ihrer wichtigsten Wahlkampfthemen.

Sendung: hr-iNFO, 10.10.2018, 6:10 Uhr

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